Der Schatz aus der Apotheke
Der Schatz aus der Apotheke
Der Vormittag in der kleinen Stadtapotheke war ruhig, nur das leise Summen der Klimaanlage und das Rascheln von Papiertüten unterbrachen die Stille. Martina stand in der Schlange und wartete geduldig. Ihr Blick schweifte ziellos umher, bis er an einem unscheinbaren Ständer in der Ecke hängen blieb.
Dort hingen sie: Stethoskope in allen erdenklichen Schlauchfarben. Von klinischem Blau bis hin zu einem knalligen Gelb. Martina spürte einen plötzlichen, unerwarteten Stich in ihrer Brust – eine Mischung aus Wehmut und alter Leidenschaft. Ihr jetziger Bürojob war sicher, aber ihre Seele vermisste das Adrenalin und das Gefühl, wirklich zu helfen.
Ein spontaner Entschluss
Ohne lange nachzudenken, streckte sie die Hand aus. Ihre Finger schlossen sich um ein Modell in leuchtendem Rot. Es war ein einfaches Doppelkopf-Stethoskop, sicher verpackt in durchsichtigem Plastik.
„15 Euro“, murmelte sie leise. „Für den Anfang wird es seinen Zweck schon erfüllen.“
Als sie an der Reihe war, legte sie ihr Rezept und das Stethoskop auf den Tresen. Die Apothekerin lächelte sie warm an. „Das macht dann 20 Euro , bitteschön.“ Martina zahlte, verstaute den kleinen Schatz in ihrem Korb und machte sich mit einem seltsam beschwingten Gefühl auf den Heimweg.
Ein morgendliches Wiedersehen
Zuhause angekommen, empfing sie die vertraute Wärme der Wohnung. In der Küche stand Linda, Martinas 21-jährige Tochter. Mit ihren schwarzen, leicht zerzausten Haaren und dem weißen Morgenmantel sah sie aus wie das blühende Leben, auch wenn sie noch sichtlich verschlafen war.
„Huhu“, murmelte Linda verschlafen, während sie sich an ihrer Kaffeetasse festhielt.
„Na, meine Maus“, antwortete Martina liebevoll und stellte ihren Korb auf den Küchentisch.
Lindas Blick wanderte träge über den Inhalt des Korbes, bis sie plötzlich erstarrte. Ihre Augen weiteten sich.
„Was zum Teufel?! Mama, was ist das?!“ Sie griff nach der Plastikverpackung. „Wozu hast du ein Stethoskop gekauft?“
Martina hielt kurz inne. Sie sah ihre Tochter an, und in diesem Moment sprudelte es aus ihr heraus: „Ach, ich weiß auch nicht... irgendwie macht mir mein Job im Büro keinen Spaß mehr. Ich vermisse es, draußen zu sein. Ich würde so gerne wieder als Rettungssanitäterin arbeiten.“
Linda verstand. Das rote Instrument war kein bloßes Spielzeug, es war ein Symbol für einen Neuanfang. Martina befreite das Stethoskop aus der Verpackung. Das kalte Metall des Bruststücks glänzte im Küchenlicht.
„Du siehst so blass aus, Schätzchen“, sagte Martina plötzlich mit einem spielerischen, aber dennoch professionellen Unterton.
„Was? Wer? Ich?!“, stammelte Linda perplex.
Martina nickte ernst, während sie sich die Oliven in die Ohren steckte. „Ja, du. Öffnen Sie mal bitte Ihren Bademantel.“
Linda lachte ungläubig. „Mama, dein Ernst?“
„Keine Angst, ich möchte nur kurz Ihr Herz hören“, entgegnete Martina mit diesem ruhigen, sicheren Blick, den sie früher im Einsatz immer gehabt hatte.
Mit einem Schmunzeln gab Linda nach. Sie lockerte den Gürtel ihres weißen Bademantels. Darunter kam ein schlichter schwarzer Schalen-BH zum Vorschein. Martina trat einen Schritt näher. Die spielerische Atmosphäre wich einer tiefen, mütterlichen Verbundenheit.
Vorsichtig setzte Martina die Membran auf die linke Brustseite ihrer Tochter. Das Metall war kühl, doch der Moment war voller Wärme. Martina schloss die Augen.
Poch-poch. Poch-poch.
Sie versetzte die Membran ein paar Mal, lauschte konzentriert dem regelmäßigen Rhythmus von Lindas Herz. Es war das schönste Geräusch der Welt – das Leben ihrer Tochter, das sie einst selbst unter ihrem eigenen Herzen getragen hatte.
„Und?“, flüsterte Linda, die den Atem anhielt.
Martina nahm die Bügel aus den Ohren und lächelte breit. „Kerngesund. Und es schlägt genau im richtigen Takt.“
In diesem Moment wusste Martina, dass die Entscheidung richtig war.