Die Zahnarzt-Gemeinschaftspraxis
Heute nur ein Zahn
Es vergingen einige Minuten, in denen Dr. Schmitt am Computer arbeitete, dann wusch er sich die Hände und zog neue Handschuhe an. Er rollte zurück an meine Seite. “Jetzt müsste alles taub sein. Sind sie bereit anzufangen, Frau Meyer?”
Ich atmete tief durch, bevor ich ihn ansah und nickte. Er ließ den Behandlungsstuhl nach hinten kippen, bis ich halb lag. Auch wenn ich in dieser Position noch viel überblicken konnte, fühlte ich mich unwohl. Die Helferin Leony kam auf meine andere Seite, richtete das Licht auf meinen Mund aus. Ich schluckte, während ich nervös mit den Fingern spielte.
“Wenn Sie eine Pause brauchen oder doch Schmerz verspüren, dann heben Sie einfach die Hand. In Ordnung?” Dr. Schmitt sah mich mit seinen blauen Augen an, den Kopf leicht zur Seite geneigt.
“Okay”, murmelte ich.
>Oh man. Obwohl alles betäubt ist und ich nur ein pelziges Kribbeln spüre, habe ich immer noch Angst vor der Behandlung. Dr. Schmitt ist so nett, aber es fällt mir schwer, Vertrauen aufzubauen. Er ist immerhin Zahnarzt und mit diesem Berufsfeld habe ich beim letzten Mal schlechte Erfahrungen gemacht. Hoffentlich wird es nicht so schlimm.<
Der Sauger röchelte los. Pflichtbewusst öffnete ich meinen Mund, gleichzeitig schloss ich die Augen. Kurz wurde Speichel neben den Backenzähnen abgesaugt, anschließend wurde mir ein Watteröllchen zwischen Zahnfleisch und Wange gelegt. Dann ertönte das unheilvolle Geräusch des Bohrers, der kurz darauf am hintersten Backenzahn unten links angesetzt wurde. Dr. Schmitt arbeitete vorsichtiger, das merkte ich sofort. Ich konnte nur leichten Druck verspüren und das Kühlwasser, welches sich wie feiner Nebel auf Kinn und Lippen niederließ.
>Ich bin so froh, dass ich nicht so viel spüre, wie beim letzten Mal. Das ist viel besser auszuhalten. Trotzdem hoffe ich, dass es schnell vorbei ist.<
Die Turbine stoppte kurz. “Noch alles okay, Frau Meyer?”, erkundigte sich Dr. Schmitt. Ich öffnete meine Augen und blickte in ein freundliches Gesicht. Leider konnte ich seine Grübchen nicht sehen, da sie von einer hellblauen Maske verdeckt waren.
Ich nickte leicht, woraufhin der Zahnarzt wieder weiterbohrte. Sein Blick war nun konzentriert auf meinen Backenzahn gerichtet. Eigentlich hätte ich meine Augen wieder schließen können, aber aus einem unerfindlichen Grund, wollte ich ihn bei der Arbeit beobachten. Routiniert wechselte er den Bohrkopf, doch der Anblick beunruhigte mich komischerweise gar nicht mehr so sehr. Vielleicht weil ich es nicht spürte? Oder ich langsam doch Vertrauen zu ihm aufbaute?
“Gleich haben Sie es geschafft”, meinte der Zahnarzt nach ein paar Minuten, während er die Turbine zurückhängte und zur Sonde auf dem Tray griff. Er prüfte den aufgebohrten Zahn, was ich nur an einem leichten Kratzgeräusch erkannte. Dann legte er das Instrument zurück und wandte sich wieder der Behandlungseinheit zu. “Ich muss nur noch kurz bohren, dann kommt auch schon die Füllung und Sie haben es für heute hinter sich.”
Ich nickte erneut, schloss dann doch die Augen. Zu meinem Schreck war es dieser furchtbar vibrierende Bohrer, der sich nun in meinem Zahn zu schaffen machte. Mein Atem stockte kurz, in der Erwartung von Schmerz, der aber nicht auftrat. Es dauerte auch nur einige Sekunden, dann war es vorbei. Der Zahn wurde gespült und getrocknet.
“Jetzt kommt nur noch die Füllung, Frau Meyer”, sprach Dr. Schmitt zu mir und strich über meinen Arm, ob nun beabsichtigt, um mich zu beruhigen oder zufällig, das konnte ich nicht sagen.
Die Füllung wurde eingebracht und mit dem UV-Licht ausgehärtet. Nach einigen Bisstests und Korrekturschleifens, wurde der Behandlungsstuhl wieder nach oben gefahren.
“Sie waren echt tapfer, Frau Meyer. Sie haben es ohne Pause durchgehalten”, lobte mich Dr. Schmitt, was ein warmes Gefühl in meinem Bauch hinterließ.
Während ich nach dem Becher griff, um mir den Mund auszuspülen, klopfte es leise an der Tür.
Die Dame vom Empfang streckte ihren Kopf herein. “Entschuldigung für die Störung. Der nachfolgende Patient hat angerufen, er steckt im Stau und kann nicht pünktlich zum Termin erscheinen. Ich wollte es ihnen nur kurz mitteilen, Dr. Schmitt.”
“Kein Problem. Danke, dass du mir Bescheid gesagt hast, Jule.”
“Gerne”. Die Tür schloss sich wieder.
Ich spuckte gerade das Wasser aus, welches zu meinem Glück diesmal kein Blut beinhaltete, als sich der Zahnarzt wieder mir zuwandte. “Frau Meyer, wenn Sie es sich zutrauen, dann könnten wir die beiden anderen Zähne heute auch noch gleich machen.”
Dr. Schmitt ist wirklich sehr einfühlsa…
wieder toll und detailreich geschriebe…