Lauras ungeplanter Zahnarzttermin
Adieu Karies
Sophie liegt weiterhin hilflos im Behandlungsstuhl, die Beine hoch gelagert, ihr Mund weit aufgesperrt durch Sauger und die Finger des Zahnarztes.
Das erneute Aufheulen des Bohrers wird eingeleitet durch das durchdringend röchelnde Geräusch des Saugers.
Der Bohrer wird wieder angesetzt, diesmal dringt er tiefer in den betroffenen Zahn ein, bohrt sich durch Schichten von Zahnschmelz und Dentin, die sie nie zuvor gespürt hatte. Ein stechender, pulsierender Schmerz explodiert in ihrem Kiefer, als ob glühende Nadeln sich in ihr Fleisch gruben. Sie wimmert laut, ihre Hände ballen sich zu Fäusten, und Tränen fließen über ihre Wangen.
Der Zahnarzt, Dr. Braun murmelt beruhigend: "Nur noch ein bisschen tiefer, Sophie. Du machst das gut. Atme durch die Nase." Aber seine Worte klingen distanziert, emotionslos, während er den Bohrer mit präziser Grausamkeit führt. Der Schmerz breitet sich aus, erreicht ihren Nacken, ihre Schläfen, und sie spürt, wie ihr Körper sich verkrampft, unfähig, dem zu entkommen.
Nach einer Ewigkeit, die sich wie Stunden anfühlt, zieht er den Bohrer zurück.
"Perfekt", sagte er zufrieden, während er den Zahn mit einem Spiegel begutachtet. "Das war der harte Teil. Wir sind nah am Nerv, aber die Kavität ist fertig. Du hast dich tapfer geschlagen."
Sophie keucht erleichtert, immer noch orientierungslos und benommen von der Tortur. Aber das beiläufige Lob von Dr. Braun hat ein warmes Gefühl in ihrem Bauch ausgelöst. Statt ihres Ärgers über diesen Mann - wegen der Untersuchung und der schmerzhaften, empathielosen Behandlung - durchflutet sie schlagartig ein Gefühl der Dankbarkeit und Zuneigung. ‘Endlich überstanden’, freute sie sich, ‘Danke, Dr. Brown, dass es vorbei ist’.
Die Helferin nickte dem Arzt zu und entfernte den Sauger mit einem leisen Schmatzen. Ohne ein Wort verschwindet sie im Hintergrund des Raums, vielleicht um die Füllung vorzubereiten.
Zunehmend ungeduldig wartet Sophie, dass er nun auch endlich seine Hand aus ihrem Mund nimmt, damit sie den Kiefer entspannen und mal schlucken kann.
Dr. Braun lächelt unter seiner Maske, als er ihre Ungeduld spürt. "Aber wir sind noch nicht ganz fertig. Jetzt müssen wir noch die Karies aus dem Zahn entfernen und den Zahn reinigen." Er griff nach dem neuen Instrument und Sophie konnte deutlich die größere, kugelförmige Bohrspitze erkennen. Wieder ergriff Sophie neue Panik, auch wenn sie keine andere Möglichkeit hatte, als es geschehen zu lassen.
Der Bohrer klang anders - brummend, dass sich in ein Fräsen verwandelte, als er auf ihren Zahn trifft. Heftige Vibrationen durchziehen ihren Schädel und unweigerlich steigen erneut Tränen in ihre Augen.
Damit hat sie nicht gerechnet. Sie verkrampft erneut und klammert sich an die Armlehnen. Der Schmerz ist anders – nicht stechend, sondern ein vibrierendes Brennen, das sich wellenförmig ausbreitet. Sie stöhnt auf, ihr Körper biegt sich im Stuhl, und in diesem Moment fühlte sie sich vollständig ausgeliefert, allein mit dem Arzt in der sterilen Helligkeit des Behandlungsraums. Ihre noch eben gespürte Dankbarkeit wandelt sich wieder in Wut.
Erleichtert, aber erschöpft stellt sie fest, dass die Tortur offenbar vorbei ist. Das Ganze hat zum Glück nur einige Sekunden gedauert, aber der Nachhall des metallischen Gefühls des Bohrers lässt immer noch ihre Fingernägel aufrollen.
“Jetzt ist es wirklich geschafft”, beruhigt Dr. Braun, während Sophie nur noch erschöpft im Stuhl liegt. “Du warst sehr tapfer!”, stellt er fest und wieder spürt Sophie eine Woge der Dankbarkeit, ohne dass sie sich dagegen wehren kann. Ein müdes Lächeln huscht über ihre Lippen.
Sehr schön geschrieben. Ich bin gespan…