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Aufrufe: 240 Created: Vor 2 Monate Updated: Vor 2 Monate

Lauras ungeplanter Zahnarzttermin

Aller guten Dinge sind drei (Fortsetzung)

Sophie wollte noch etwas sagen, doch der Sauger drückte ihre linke Wange unnachgiebig zur Seite, und der Finger des Zahnarztes in ihrer Unterlippe hielt ihren Mund geschickt offen, fixiert in Position. Sie muckte kurz auf, teils aus Protest, teils aus Überraschung.

„Schön ruhig!“, murmelt die Helferin mit einem sanften Lächeln, während sie Sophies Arm tätschelt, als wollte sie ein Kind beruhigen. ‘Was denkt sie sich’, dachte Sophie verärgert, während sie innerlich kochte, ‘sie war doch kein kleines, unartiges Kind!’.

Fast im selben Moment schiebt die Helferin den Sauger noch tiefer in die Wange. Sophie versucht, dem unangenehmen Druck des Saugrohrs zu entkommen, indem sie instinktiv ihren Kopf weiter nach hinten lehnt. Es hilft nichts, der Kopf drückt sich lediglich tiefer in das Kissen, während die Helferin den Sauger noch ein Stück nachschiebt. Sophie merkt, wie ihr Kopf jetzt noch stärker durch das Kopfpolster fixiert wird.

Ohne ein Wort der Vorwarnung setzt Dr. Braun den Bohrer wieder an, diesmal auf der anderen Seite. Sophie war neugierig, wie er das Loch im Zahnzwischenraum angehen würde, doch zu ihrer Überraschung platziert er die Spitze einfach auf der Oberseite des Zahns und bohrt von oben hinein. Ein leises Murmeln entweicht ihm: „2-6, alte Komposite-Füllung – tauschen wir gleich mit aus.“ Er presst den Bohrer fester in den Zahn.

Bevor Sophie es richtig begreifen kann, durchflutet eine lähmende Kälte ihren Zahn und breitet sich im gesamten Oberkiefer aus. Der Schmerz setzt ein, heftig und paralysierend, läßt ihre Muskeln im ganzen Körper verkrampfen. Sie liegt da, unfähig, sich zu rühren, während der Bohrer sich gnadenlos weiterfrisst. Instinktiv versucht sie, den Kopf seitlich wegdrehen, aber das Kopfpolster fixiert ihn sicher in Position – ein vergeblicher Fluchtversuch, der sie noch hilfloser macht.

Der feine Sprühnebel der Wasserkühlung benetzt ihr Gesicht wie ein kühler Schleier, und der Wasserstrahl, der die Bohrspitze am Handstück kühlt, sammelt sich im entstehenden Loch, nur um gleich wieder vom laut schlurfenden Sauger abgesaugt zu werden. Die Kälte dringt bis in den Kern des Zahns vor, erreicht durch das größer werdende Loch den Zahn immer direkter. Ein dumpfer, pulsierender Dauerschmerz entwickelt sich, Sophies Brustkorb und Schultern verkrampfen noch ein Stück weiter.

Nach nur wenigen Sekunden mischt sich zu diesem Schmerz ein schrilles Ziehen hinzu, das immer intensiver wird. Der Bohrer muss jetzt gefährlich nah am Nerv sein; das Ziehen kommt und geht in Wellen, mal kurz nachlassend, dann mit voller Wucht zurückkehrend. Reflexartig krallt Sophie ihre Finger fester in die Armlehnen, Tränen schießen ihr in die Augen, und ein unkontrolliertes Stöhnen kommt aus ihrem Mund. ‘Bitte, lass es jetzt vorbei sein’, denkt sie verzweifelt, während Wellen der Panik über sie hinwegrollen und sie sich immer mehr ihrer Hilflosigkeit bewusst wird. Doch es scheint, als hört niemand hin.

Dr. Braun bohrt konzentriert weiter, ohne die geringste Notiz von ihrem Unbehagen zu nehmen. Sophie stöhnt erneut auf, diesmal lauter, ihre Gedanken an Laura sind wie weggewischt. Ihre Beine rutschen unruhig auf der Beinablage hin und her, während der Rest ihres Körpers starr und verkrampft daliegt – ein stummer Kampf gegen die Hilflosigkeit.

Zum Glück kann sie Lauras Blick nicht sehen: fasziniert und mit einer Spur von Schadenfreude verfolgt diese jedes Detail der Behandlung. Sie ist erleichtert, diesmal nicht selbst im Stuhl zu liegen. „Hat sie ja doch nicht so tolle Zähne, wie sie immer tut“, geht es Laura mit einer gewissen Genugtuung, die sie nicht ganz verbergen kann, durch den Kopf.

Ein Hauch von Mitleid schleicht sich ein, je länger das durchdringende Pfeifen des Bohrers anhält, und als Sophie wieder laut aufstöhnt während ihre Beine sichtbar zucken. „Nicht angenehm, aber eben der Preis für die kleinen Sünden“, denkt Laura sarkastisch, Sprüche, die sie auch immer wieder hören musste, während der Bohrer in ihrem Mund zu Gange war. Laura beobachtet die Szene mit anhaltender Neugier. Sie hat sowas schon oft genug selbst durchgemacht.

Sie kann nicht anders - und steht auf, um einen besseren Blick zu haben. Im Stehen sieht sie Sophies schmerzverzerrtes Gesicht klarer – den Mund, der mit Instrumenten und Schläuchen vollgestopft ist, die Wangen gedehnt, die Augen feucht. Ob sie selbst ein ähnliches Bild abgegeben hat? Egal, sie hatte es überstanden, und Sophie musst da jetzt auch durch.

Sophie hingegen liegt nur noch als passives Häufchen Elend im Stuhl, die Muskeln in Brustkorb und Schultern bis zum Äußersten angespannt. Ihr Kiefer weit aufgerissen, der Kopf fest in das Kopfteil gepresst. Keine Sekunde länger würde sie das aushalten können – und wieder entweicht ihr ein Stöhnen, verzweifelt und leise. Wie lange dauert das noch? Es muss doch gleich vorbei sein.

Endlich hängt Dr. Braun den Bohrer zurück. Sophie holt tief Luft, ein erlösendes Durchatmen, und wendet den Blick zur Seite. Dort kann sie erkennen, wie Dr. Braun den Bohrer in die dafür vorgesehene Halterung zurückgleiten lässt. Zu ihrer Überraschung war die Bohreinheit in der Innenseite einer Schranktür montiert, so dass sie beliebig auf- und zugeklappt werden konnte.

‘War’s das jetzt?’, Sophie hält inne und gehorchte, als der Zahnarzt ihren Kopf wieder nach vorne dreht. Gespannt folgte sie der Sonde in ihrem Mund, mit der der Zahnarzt die Bohrlöcher kontrollierte.

Ihr Atem stockte, als sie wieder das Geräusch des abrollenden Schlauchs hört.

‘Nein, bitte nicht noch mehr bohren!’, fleht Sophie innerlich, als der Bohrer erneut angesetzt wird.

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Aacona Vor 2 Monate 2
Henk de G Vor 2 Monate 2
Norman Vor 2 Monate 3
Nett1 Vor 2 Monate 2