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Die Zahnarzt-Gemeinschaftspraxis

Dr. Weber

Es war wie ein Déjà-vu, nur dass es diesmal ein anderer Arzt war, der mir in den Mund sehen wollte. Langsam öffnete ich ihn, sodass Dr. Weber einen Blick hineinwerfen konnte. Die Sonde kratzte sogleich am vordersten Backenzahn links oben.

“Ja, diese Kunststofffüllungen sind anfälliger für Undichtigkeiten. Hier ist klar ein Randspalt zu erkennen, weshalb sich die Karies unter der Füllung ausbreiten konnte. Schade, dass der Einsatz von Amalgam seit diesem Jahr verboten wurde. Damit hätte es länger gehalten.” Seine Stimme klang ein wenig bedauernd. Aber ich atmete erleichtert auf.

>Zum Glück kann er mir kein Amalgam verpassen. Meine Mutter hat noch einige dieser hässlichen grauen Füllungen. Als Kind wurde ich dafür gehänselt, wodurch meine Abneigung zum Zahnarzt langsam zu einer Angst wurde. Später sind die Milchzähne dann ausgefallen und die letzte dunkle Stelle hat meine vorherige Zahnärztin durch eine zahnfarbene Füllung ausgetauscht.<

Nun widmete sich Dr. Weber dem hintersten Backenzahn. Die schwarzhaarige Helferin saß auf der linken Seite und ergriff wie beim letzten Mal mein Kinn, um es etwas nach unten zu drücken.

“Der 2-7er ist auch dringend behandlungsbedürftig. Beim Zahn weiter vorne sieht man von außen nichts, aber im Röntgen erkennt man eine kleine Kariesstelle. Bevor diese sich ausweitet, sollte man vorher schon handeln, weshalb ich von oben aufbohren werde.” Dr. Weber nahm die Instrumente aus meinem Mund und mein Kinn wurde losgelassen.

Bevor ich, wie beim vorherigen Termin, mit der Behandlung überrumpelt werden, nutzte ich meine Chance noch etwas zu sagen. Ich räusperte mich kurz, ehe ich dem blonden Arzt ansah, der schon die Turbine bestückte. “Könnte ich zuvor eine Betäubung bekommen?” Meine Stimme war leise, aber der Zahnarzt drehte sich trotzdem zu mir um.

“Die Füllung im vorderen Backenzahn ist so klein, da dauert die Wartezeit für die Betäubung länger als das Bohren. Sie werden überhaupt nichts merken, Frau Meyer”, beruhigte er mich.

Mir fiel keine triftige Begründung mehr ein, außer dass ich Angst hatte, doch ich traute mich nicht dies offen auszusprechen. Ich atmete zittrig durch, hoffte dass er es bemerken würde und seine Meinung änderte. Doch er zog das Tray näher, es schwebte nun direkt vor mir, dann nahm er eine Watterolle aus dem Spender. Wie von selbst öffnete ich meinen Mund, damit er diese neben den zu behandelnden Backenzahn legen konnte. Die Helferin Ines war schon mit dem Sauger zur Stelle. Die Turbine heulte auf, kaltes Wasser spritzte auf meine Lippen. Ich kniff wieder die Augen zu, mein Herz klopfte wild in meiner Brust. Dr. Weber setzte die Bohrspitze an. Ich spürte sofort, wie er den Druck erhöhte, feiner Sprühnebel breitete sich bis zu meinem Kinn hin aus. Das schrille Pfeifen bescherte mir wieder eine Gänsehaut. Ich roch das Latex der Handschuhe, da der Zahnarzt nun schräg hinter mir hockte und mir so viel näher war. Ein beklemmendes Gefühl, dem ich nicht entkommen konnte.

Aber er hielt sein Versprechen, das Bohren war schnell vorbei, der Zahn wurde gespült und getrocknet.

“Der erste Zahn ist schon fast geschafft, Frau Meyer. Jetzt nur noch die Füllung.”

Ich öffnete langsam die Augen, atmete tief durch, versuchte mich zu beruhigen.

>Das war nun wirklich nicht schlimm und wehgetan hat es auch nicht. Vielleicht ist Dr. Weber doch nicht so schlecht, wie ich anfangs vermutet habe. Seine Worte haben mich aber trotzdem getroffen.