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Die Zahnarzt-Gemeinschaftspraxis

Die Behandlung

Es ging alles viel zu schnell, sodass ich nicht einmal die Möglichkeit hatte zu protestieren. Meine Hände waren zwar frei, aber ich war wie versteinert. Als wäre anstatt des Zahnes, mein kompletter Körper betäubt worden.

Dr. Krüger fing an, die Füllung weg zu bohren. Ich konnte die leichte Vibration im Oberkiefer spüren, den Druck und das kühlende Wasser, welches bis zu meinen Lippen spritzte. Ich kniff die Augen zu, meine Finger krallten sich in den Saum meines Oberteils.

>Vielleicht ist es auch gar nicht so schlimm. Dr. Krüger ist aufgrund seines Alters bestimmt ein erfahrener Zahnarzt. Ich weiß nicht mehr wie groß diese Füllung war, wahrscheinlich ist es nur eine Kleinigkeit und eine Betäubung überhaupt nicht notwendig. Aber mir wäre es mit lieber gewesen.<

Während ich versuchte mich wieder auf meine Atmung zu konzentrieren, arbeitete der Zahnarzt professionell weiter. Die Bohrspitze trug immer mehr Material ab, das Geräusch, welches dabei entstand, beruhigte mich keineswegs, mein Puls blieb konstant hoch. Der Sauger entfernte Wasser und Speichel bevor es in meinen Rachen fließen konnte. Ich spürte genau, wie Dr. Krüger den Druck erhöhte, der Klang der Turbine änderte sich, eine leichte Gänsehaut breitete sich auf meinen Unterarmen aus.

Nach einer gefühlten Ewigkeit des Bohrens, hängte der Zahnarzt endlich die Turbine zurück. Ich atmete erleichtert auf.

Mit der Sonde prüfte Dr. Krüger den aufgebohrten Backenzahn. “Da hat sich die Karies tatsächlich ordentlich unter der Füllung ausgebreitet.”

>WAS? Ich dachte er wäre schon fertig.<

Ich riss bei seinen Worten die Augen auf. So konnte ich beobachten, wie der Zahnarzt die Sonde zurück auf das Tablett legte. Sein Griff ging stattdessen zu einer Pinzette, mit der er die Bohrspitze aus dem Handstück zog. Aus einer kleinen Plastikbox wählte er eine Neue, diesmal größere, aus. Am liebsten hätte ich nicht hingesehen.

Schnell kniff ich die Augen wieder zu, meine Hände zitterten leicht. Ich strich sie an meiner Hose trocken, was aber nur für kurze Zeit half.

Das Geräusch des Bohrers ertönte erneut, es war wie ein kleiner Schock, als die Spitze auf meinen Zahn traf. Es war kein Schmerz, nur die Überraschung.

>Bisher war es nur unangenehm, ich hoffe es bleibt auch so. Wenn es doch nur schon vorbei wäre.<

Wieder fühlte ich die Vibration im Kiefer und wenn Dr. Krüger mehr Druck ausübte, das kühle Wasser, welches herumspritzte.

Doch nach einer Weile bemerkte ich ein feines Ziehen im Zahn. Reflexartig schloss ich meinen Mund ein kleines Stück. Die Helferin reagierte daraufhin und legte ihre freie Hand auf mein Kinn und drückte meinen Unterkiefer nach unten.

“Den Mund bitte offenlassen”, wurde ich von ihr gerügt. Ihre Stimme klang tadelnd, streng, einschüchternd.

Dr. Krüger ließ sich davon nicht beirren, bohrte ohne Unterbrechung weiter, das Ziehen wurde stärker.

>Sowas habe ich noch nie gespürt, ich kann mich zu mindestens nicht daran erinnern. Vielleicht als Kind? Jedoch ist dies schon länger her und die Erinnerungen verschwommen. Langsam wird es echt unangenehm.<

Ich kniff die Augen fester zu, krallte die Finger wieder in den Saum meines Oberteils. Bereitete mich innerlich schon darauf vor, dass das Ziehen immer stärker wird, doch die Turbine stoppte, wurde zurückgehängt. Ich erschrak leicht, als der Zahn gespült und anschießend trocken gepustet wurde.

Die Sonde kratzte. “Mesial muss ich aufbohren, dann kann ich auch sehen, wie weit die Karies am Nachbarzahn distal hinuntergeht.” Die Stimme des Zahnarztes klang professionell, ließ keinen Platz für Diskussionen, was ich eh nicht gekonnt hätte, da die Helferin mein Kinn in ihrem Griff hielt.

>Oh nein, er muss nochmal bohren. Warum kann er nicht schon fertig sein?<

Das Ziehen war zu meinem Missfallen sofort wieder da. Ich zuckte, stieß ein leises Wimmern aus, was ich nicht zurückhalten konnte. Dr. Krüger schien es nicht zu bemerken oder zu ignorieren. Er machte weiter, die Zahnwand wurde dünner, bis sie endgültig verschwand. Dann wechselte er nach vorne, entfernte die Karies am Nachbarzahn. Das Ziehen schwächte sich ab, meine verkrampften Finger lösten sich etwas.

Wieder wurde der Zahn gespült und trocken gepustet, es ging alles so schnell, dass ich mich nicht darauf einstellen konnte.

Er sondierte erneut den Zahn, ich konnte das Kratzen deutlich vernehmen und hoffte, dass er nun zufrieden war. Ich wollte nicht hinsehen, hörte nur was er machte. Das Klappern des Instrumentes, als es zurückgelegt wurde, dann wieder das Geräusch, wie die Turbine aus der Halterung geholt wurde. Mein Herzschlag beschleunigte sich, den diesmal war es ein anderer Bohrer. Das Vibrieren stärker und das Ziehen im Zahn verwandelte sich in einen Schmerz, der mir die Tränen in die Augen trieb. Es dauerte nur Sekunden, aber dies reichte für mich schon aus.

“Jetzt nur noch die Füllung, dann haben Sie es für heute geschafft, Frau Meyer”, sagte Dr. Krüger, nachdem er die Zähne nochmals gespült und getrocknet hatte.

>Endlich. Das gerade eben tat wirklich weh. Ich bin so froh, dass es vorbei ist.<

Das Legen der Composit-Füllungen war zwar noch langwierig, mein Kiefer zitterte bereits, jedoch zum Glück schmerzfrei. Nur ein leichtes Pochen in meinem Backenzahn erinnerte mich an das unangenehme Bohren. Ich war unendlich froh, als der Stuhl wieder in eine aufrechte Position gefahren wurde und ich ausspülen durfte. Mit dem bereitgelegten Taschentuch wischte ich mir zittrig die Tränen aus den Augen. Das Papierlätzchen wurde mir abgenommen und ich durfte aufstehen. Dr. Krüger war schon weg, ich hatte seine Verabschiedung gar nicht richtig mitbekommen.

“Ich wünsche Ihnen noch einen guten Tag, Frau Meyer”, sagte die Helferin Ines, diesmal klang ihre Stimme freundlicher.

Ich murmelte eine Erwiderung, schnappte mir schnell meine Handtasche und verließ noch leicht benommen den Behandlungsraum.

>Am Mittwoch habe ich meinen nächsten Termin, am liebsten würde ich alles absagen, aber vielleicht kann ich es klären, sodass ich diesmal von Dr. Schmitt behandelt werden kann.<

Hoffnung keimte in mir auf, doch leider war der Empfangstresen nicht besetzt, die Tür zum Wartezimmer stand offen, es war ruhig.

>Ach man. Ich will nicht warten, nur noch raus hier. Ich habe genug für heute. Dann muss ich es wohl am Mittwoch früh besprechen.<

Ich wandte mich der Tür zu, mein Zahn pochte immer noch, leicht strich ich mit der Hand über die Wange.

>Scheiß Urlaub, hätte ich doch nie diesen Termin gemacht.

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Norman Vor 1 Tag 1
Norman Vor 1 Tag 2
Henk de G Vor 1 Tag 2