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Aufrufe: 157 Created: Vor 6 Tage Updated: Vor 6 Tage

Lauras ungeplanter Zahnarzttermin

Laura

Während Sophie eine völlig neue Zahnarzterfahrung machen darf, sitzt Laura seitlich versetzt vom Behandlungsstuhl, kaum einen Meter entfernt von Sophies angewinkelten Knien. Aus dieser Nähe sieht man alles. Jedes Zucken, jedes Blinzeln, jedes nervöse Schlucken. Und Laura genießt diesen Blick – vielleicht zu sehr.

Nicht ohne Schadenfreude hat Laura verfolgt, wie der Stuhl sich ruckartig bewegt. Dieses typische, harte Klack–Wrrrr der alten Mechanik. Sophie rutschte unwillkürlich tiefer in den Stuhl - hilflos, orientierungslos.

Laura kennt diese Position. Zu gut. Das ungute, hilflose Gefühl, wenn man merkt, dass die Armlehnen nutzlos mitkippen und man nichts festhalten kann, während man der Zahnbehandlung entgegensieht.

Es war ein merkwürdiger Anblick: Sophie, sonst immer so ungezwungen und souverän, jetzt wie fixiert in diesem Stuhl.

Ein Lächeln der Schadenfreude überkam sie. Sophie hatte sie zu diesem Termin überredet — oder viel eher: hineingedrängt. Und jetzt lag Sophie hier, mit demselben Ausdruck im Gesicht, den Laura selbst schon viel zu oft gehabt hatte: Erstaunen, Abwehr, ein Hauch Panik.

Sie kennt diese Praxis. Diese Effizienz, diese bestimmten Handgriffe, diese Art, dem Patienten gar nicht erst die Illusion von Kontrolle zu geben. Sie sieht, wie Sophie sich bemüht, nicht zu zeigen, wie ausgeliefert sie sich fühlt. Und gerade das macht sie verletzlich.

Der Stuhl ist jetzt so weit nach hinten gekippt, dass Sophie hilflos darin liegt, festgehalten durch die Schwerkraft und die ergonomische Form des Behandlungsstuhls. Ihre Beine liegen hoch auf der kantigen Beinauflage; das Plastiklätzchen auf ihrer Brust als deutliche Erinnerung “jetzt sitzt du beim Zahnarzt, ab hier entscheidet Herr Doktor, wann du wieder aufstehen darfst.”

Als Dr. Braun an die rechte Seite tritt, wandert Sophies Blick reflexartig zu ihm. Ihre Augen verraten diesen kurzen, glasigen Moment reiner Ehrfurcht. Der Mann versteht es, Menschen zu kontrollieren und seine Autorität zu zeigen, lange bevor der Bohrer überhaupt läuft.

Laura spürt, wie ein kleiner, dunkler Funke Genugtuung in ihr aufflackert. ‘Siehst du, Sophie? Genau DU wolltest unbedingt, dass ich dich hierhin begleite. Und jetzt liegst du genau dort, wo ich eben lag.’

Der Zahnarzt greift zu Spiegel und Sonde. Die präzisen, schnellen Bewegungen - nüchtern, effizient, bedrohlich.

Sophie spannt sich sichtbar an, als die Sonde das erste Mal in ihren Zahn drückt. Sie macht diesen kleinen, fast kindlichen Reflex – Augen kurz schließen, Nase rümpfen, die Finger krallen sich unbewusst an die Armlehnen… aber der Stuhl gibt nicht nach. Er hält sie fest. Die ganze Konstruktion ist so gebaut, dass selbst instinktive Fluchtversuche im Ansatz scheitern.

Laura beobachtet fasziniert, wie Sophie versucht, gleichzeitig cool und gefasst zu wirken.

Vergeblich.

Ein Hauch Genugtuung breitet sich wieder in Laura aus — ‘du wolltest ja unbedingt hierher’. Aber gleichzeitig … fasziniert sie das Bild vor sich. Wie Sophies Mund geöffnet ist, wie Dr. Braun mit sonnenklarer Präzision Zahn für Zahn prüft, die Sonde immer wieder ansetzt, diktiert, absetzt.

Laura kennt diese Sprache: “c”, „mesial“, „okklusal“, „distal“.

Sie weiß, dass Sophie kein Wort davon versteht — und noch weniger weiß, was auf sie zukommt. Jeder kleine Buchstabe wie ein Urteil mit schmerzhaften Konsequenzen, von denen Sophie noch nichts ahnt – und für Laura der süße Genuss völliger Überlegenheit.

Laura sieht ihr diese Ahnungslosigkeit aus drei Metern Entfernung an – wie ein drängender Wunsch in Sophies Kopf: ‘Bitte, bitte sag mir, was das bedeutet.’

Aber Laura schweigt.

Natürlich schweigt sie. Während Dr. Braun seine Untersuchung wortlos fortsetzt.

Laura beobachtet Sophies Augen — wie sie sofort größer werden, wie ihr Kiefer sich ein kleines Stück anspannt. Als Dr. Braun wortlos zur Kopfstütze greift und den Stuhl noch weiter nach hinten drückt, starrt Sophie kurz gegen die Decke, als suche sie nach Halt. Vergeblich.

Als der Stuhl so weit nach hinten gekippt ist, dass Sophies Beine noch höher ragen, huscht ein flüchtiger Schauder aus Erinnerung über Lauras Rücken. Dieses Geräusch, wenn der hydraulische Motor sich in Bewegung setzt… dieses Einsinken in eine Position, aus der man nicht mehr aufstehen kann… dieses Wissen, dass es gleich losgeht.

Ehrfurcht. Und ein bisschen… Neid?

Die Helferin beugt sich vor und platziert den Sauger. Unsanft. Viel unsanfter, als nötig wäre – wie immer bei Dr. Braun. Das Plastikrohr drückt Sophies linke Wange nach hinten, ein dumpfer Laut entweicht ihr, halb Beschwerde, halb Überraschung. Der Schlauch brummt tief, saugt ihre Spucke rhythmisch weg.

Laura muss sich Mühe geben, nicht zu lächeln.

So fühlt sich das also an, Sophie. Genau so hast du mich vorhin angeschaut – und dachtest, du seist so viel cooler, weil du selbst nie sowas brauchst.’

Dann erscheint der Bohrer.

Das leise Geräusch des Abrollens des Schlauches aus der Halterung, das unscheinbare, metallische Handstück – aber das Geräusch, das er macht, zerschneidet die Luft.

Das helle pfeifende Kreischen lässt Sophie sofort zusammenzucken.

Ihre Augen werden groß.

Ihre Brust hebt sich schneller.

Ihre Hände, die eben noch cool an den Armlehnen lagen, verkrampfen sich zu kleinen Fäusten.

Laura schluckt.

Ein kurzer Moment, in dem sich ihre Schadenfreude mit etwas anderem mischt – etwas Warmem, dünnem, fast Zärtlichem.

Mitleid.

Ein bisschen zumindest.

Weil sie weiß, was gleich kommt. Weil sie weiß, wie sich dieser erste Kontakt anfühlt.

Dr. Braun setzt den Bohrer an – ohne Ankündigung, ohne aufmunterndes oder beruhigendes Wort.

Er tut es einfach.

Die Turbine heult auf.

Sophie reißt die Augen weit auf, als hätte ein unsichtbarer Stromschlag ihren Körper getroffen. Ihre Beine zucken, die Knie wackeln. Das Lätzchen hebt und senkt sich in schnellem Rhythmus.

Laura spürt einen Hauch Triumph, tief und warm in der Brust.

Du weißt nicht, was „c“ bedeutet, Sophie. Aber ich weiß es.

Und jetzt weißt du es auch – auf die harte Tour.’

Sie kennt das Gefühl, die Überraschung, wenn aus einem leichten Kribbeln plötzlich ein fieser Schmerz wird, der einen völlig in Beschlag nimmt und jede Gegenwehr unterbindet.

Und jetzt erlebt Sophie all das – zum ersten Mal.

Und ausgerechnet Laura darf zusehen.

Ein bittersüßes, seltsam stolzes Gefühl breitet sich in ihr aus. Sie, Laura, die erfahrene Patientin, die ihre Freundin begleitet, die hier ihre erste Erfahrung dieser Art machen darf.

Als Sophie erneut zusammenzuckt und sich unwillkürlich im Stuhl windet, legt sich ein kaum merkbarer Schatten über Lauras Gesicht.

Ein winziger Anflug echten Mitleids.

Denn so weh es ihr getan hätte, das zuzugeben:

Sie kennt das.

Viel zu gut.

Und so sitzt Laura da – zwischen Schadenfreude, Solidarität, Faszination und einer Prise schlechtem Gewissen – und verfolgt jeden Millimeter von Sophies Leiden, ohne wegzuschauen.

Nicht, weil sie will, dass Sophie leidet.

Sondern weil sie weiß, dass dies der Moment ist, den Sophie nie wieder vergessen wird.

Und sie, Laura, war die Einzige, die das kommen sah.

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Jjhighan Vor 4 Tage 1
Henk de G Vor 5 Tage 1
Norman Vor 5 Tage 2
zahnfritz Vor 6 Tage 4
Aacona Vor 6 Tage 3
Norman Vor 6 Tage 1
Zeus88 Vor 6 Tage 2