Lauras ungeplanter Zahnarzttermin
Nur 5-Minuten
“Bäumler, Sophie, 01”, diktiert die Helferin an der Rezeption in die Gegensprechanlage, nachdem Sophie ihren Selbstauskunftsbogen ausgefüllt und zurückgereicht hat.
Sophies Herzschlag beschleunigt sich. Auch, wenn sie normalerweise keine Angst vorm Zahnarzt hatte -- diese Praxis schüchterte sie ein. War das wirklich eine kluge Entscheidung? Sie hatte ja zum Glück nicht so schlechte Zähne wie Laura, aber was, wenn doch was ist? Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen…
“Dann folgen Sie mir bitte, Frau Bäumler”. Die kühle Stimme vom anderen Ende des Flurs wirkt nicht wirklich beruhigend. Sie gehört der anderen Helferin, die plötzlich im Flur steht. Sophie zuckt zusammen, dann setzt sie sich in Bewegung. Laura folgt ihr, Sophie wird das Gefühl nicht los ein Hauch von Schadenfreude in Lauras Gesicht zu sehen.
“Zimmer 2, bitte!”, erklärt die Helferin, während sie im Türrahmen stehen bleibt. ‘Zum Glück nicht dasselbe Zimmer, in dem Laura malträtiert wurde’, denkt Sophie, immer noch unglücklich über ihre Entscheidung - oder dass sie sich hat überreden lassen.
Der Raum ist anders als das andere Behandlungszimmer, aber nicht weniger furchteinflößend:
Der große Behandlungsstuhl in der Mitte des Raumes wirkt sogar noch etwas altmodischer und kantiger als der nebenan. Der Raum ist etwas kleiner, und zum Glück sind hier keine Bohrer zu sehen.
“Bitte Platz nehmen”, folgt die kühle Anweisung der Helferin. Sophie gehorcht und klettert in den Stuhl.
Es fühlt sich merkwürdig an, als sie in diesem Stuhl platz nimmt. Die Sitzfläche ist nach hinten geneigt, so dass ihr Hintern automatisch tiefer in den Stuhl rutscht. Ihre Beine liegen leicht erhöht auf der geknickten Beinauflage. Ihre Füße auf einem schweren, brüchigen Gummischutz. Irgendwie eine extremere Sitzposition als in dem modernen Stuhl ihrer Zahnärztin.
Auf der Suche nach einer bequemeren Sitzposition beugt sich Sophie etwas nach vorne, was ihr nur mittelmäßig gut gelingt. Die Sitzposition ist so nach hinten geneigt, dass sie sich nur mühsam aufrichten kann. Unangenehm, sie fühlt sich plötzlich in dem Stuhl gefangen.
Unglücklich schaut sie zu Laura herüber, während die Helferin ihr wortlos das große Plastiklätzchen umlegt.
“Geht ja sicher schnell”, tröstet Laura, die aufgrund der Betäubung weiterhin sichtbare Probleme mit dem Sprechen hat.
Die Helferin drückt eine Taste am Kopfende der Lehne. Sophie erschreckt, als der Stuhl sich ruckartig in Bewegung setzt. Die Lehne kippt etwas nach hinten, gleichzeitig werden ihre Beine noch etwas weiter angehoben. Der gesamte Stuhl kippt nach hinten! Völlig erschreckt greift Sophie instinktiv nach den Armlehnen, um sich festzuhalten, nur um festzustellen, dass die Armlehnen zusammen mit dem Rest des Stuhls nach hinten kippen.
Irritiert wirft Sophie der Helferin ein leicht irritiertes, unglückliches Lächeln zu. Die Helferin ignoriert ihren Blick professionell.
Nachdem der Stuhl ein Stück nach hinten gekippt ist, betätigt sie eine andere Taste, mit der sich die Rückenlehne in Bewegung setzt und noch weiter nach hinten kippt. Nachdem Sophies Oberkörper in einem Winkel von ca. 45° nach hinten geneigt ist, stoppt die Bewegung. Eine komische Sitzposition: Sophie ist mit ihrem Oberkörper etwas nach hinten gelegt, weder sitzend noch liegend. Ihr Hintern bildet den tiefsten Punkt im Stuhl, auf der nach hinten geneigten Sitzfläche zeigen ihre Oberschenkel nach oben, der Knick in der Beinablage sorgt dafür, dass ihre Beine und Füße nun waagerecht, erhöht auf dem Fußende lagern.
“Es ist ja nur zur Kontrolle”, versucht Sophie sich, durch den Stuhl und das ganze Umfeld zunehmend verunsichert, in Erinnerung zu rufen, “das geht ja schnell, oder?”.
“Das wird Dr. Braun entscheiden”, erklärt die Helferin kühl. Sie versucht gar nicht erst, Sophie Hoffnung zu machen.
Unbehaglich nestelt Sophie an dem langen Plastiklätzchen. Sie erinnert sich,wie es vorhin bei Laura gelaufen ist - sie sollte ja auch nur zur Kontrolle hier sein. Zum Glück hatte sie, Sophie, gute Zähne - aber konnte sich schon gut vorstellen, wie es ist, hier in diesem Stuhl gefangen zu sein, während der Zahnarzt die Behandlung anordnet.
Als ihre Nackenmuskulatur irgendwann schmerzt, lässt Sophie ihren Kopf in die Kopfstütze sinken. Ein stabiles Polster empfängt ihren Hinterkopf. Die Mulde, die das Kopfpolster bildet, fixiert ihren Kopf auf unangenehme Art und Weise.
Sophie schaut unglücklich an die Decke, was Laura veranlasst, sie etwas aufzumuntern: “geht bestimmt schnell bei dir, du hast doch immer tolle Zähne.”
“Na hoffentlich”, Sophie fühlt sich gerade nicht mehr so selbstsicher. “Dieser Behandlungsstuhl ist ja nicht gerade bequem”, stellt sie zudem fest, während sie etwas umher rutscht, um eine bequemere Sitzposition zu finden. “Wie hältst du das nur aus?”.
“Ach, das ist meist mein kleinstes Problem”, gesteht Laura. “Außerdem gewöhnt man sich dran.”
Sophie lehnt den Kopf weiterhin an und betrachtet die Untersuchungslampe vor ihr, die mit einem langen Gelenkarm an der Decke befestigt ist.
Dann hebt sie mühsam den Kopf um ihn zur Seite zu drehen. Sie schaut sich um: vor ihr das Tray mit verschiedenen Instrumenten, links davon eine kastenförmige Einheit mit drei Schläuchen - vermutlich Sauger.
Rechts davon ist der Durchgang frei, keine Bohrer. ‘Wenigstens etwas’, denkt sich Sophie. Ihr Blick wandert weiter nach rechts, wo die Schränke und Schubladenheinheiten beginnen.
‘Wahrscheinlich wissen sie, dass es bei mir nichts zu tun gibt’, denkt sich Sophie, ‘bei Laura ist es ja anders - nicht zufällig war sie wohl gleich in Zimmer 1’.
Sophie grinst leicht, behält ihre Gedanken aber für sich.
Obwohl Sophie ja weiß daß sie gute Zähn…
Sehr gut. Ich bin sehr gespannt wie es …
toll geschrieben weiter so bin gespannt…