Rehabiltationsmaßnahme
Tag 1 - Ankunft I
Es war ein unscheinbarer Betonklotz am Rande der Stadt, wie Julian überraschend feststellen musste. Das Haus hatte die Größe eines durchschnittlichen Plattenwohnblocks und hatte relativ wenig mit Julians Assoziationen zum Wort “Klinik” zu tun. Einzig die großen verspiegelten Fenster in den oberen beiden Stockwerken und das relativ junge Baudatum des Gebäudes verliehen ihm den Eindruck, kein normales Wohnhaus zu sein. Als würden Arztpraxen und Krankenhäuser ihm gedanklich nicht schon genug Unbehagen bereiten, gesellte sich jetzt auch noch Unsicherheit zu Julians Gefühlen. Prüfend sah er nochmal in die offene E-Mail auf seinem Handy. Die Adresse stimmte. Er ließ seinen Blick über das in der Nachmittagssonne in ein sanftes Gelb getauchte Betongemäuer schweifen, um einen Eingang auszumachen. Am linken Gebäudeende wurde er schließlich fündig. Eine Doppeltür, wie sie an jedem modernen Wohnhaus vorzufinden war, schien der einzige Weg in das Gebäude zu sein. Julian schluckte und versuchte, sich selbst auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. ‘Es ist nur eine Reha, ich mache das hier komplett freiwillig.’
Julian schritt zur Tür. Wie von Geisterhand öffnete diese sich mit einem summenden Geräusch von selbst. Er blickte in einen langen Flur mit weiß getünchten Wänden und anthrazitfarbenen Bodenfliesen. Der Flur, welcher sich bis zur Gebäuderückseite erstrecken zu schien, endete in einer Treppe nebst einem Aufzug. Ansonsten war der Flur leer. Keine Türen, keine Beschilderung. Immer noch verunsichert wagte sich Julian zum Aufzug vor. Mit Erleichterung stellte er fest, dass die Knöpfe für die Stockwerke im Aufzug mit kleinen Schildern versehen waren, welche Auskunft darüber gaben, was sich in den jeweiligen Stockwerken befand. Ohne lange zu überlegen, drückte Julian auf die oberste Taste für den vierten Stock, neben der “Zentrum für Rehabilitation” zu lesen war. Julian kam das alles noch etwas ominös vor. Er hatte keine wirkliche Vorstellung davon, was ihn erwarten würde, die Informationen, die er im Voraus von der Einrichtung erhalten hatte, waren sehr dürftig und eher nichtssagend gewesen. Er wusste nur, dass das Gebäude wohl über eine Dachterrasse mit Pool verfügte, die ihm frei zur Verfügung stehen würde. Die sich öffnende Aufzugtür riss ihn aus seinen Überlegungen.
Julian sah sich fix um. Er stand in einem großzügigen Empfangszimmer mit Parkettboden. Zu seiner Linken der brusthohe Empfangstisch, an dem zwei Mitarbeiterinnen saßen und konzentriert auf die Monitore ihrer PCs sahen, zu seiner Rechten fiel Tageslicht durch eine Fensterfront auf eine einladend wirkende Sitzgruppe, die offensichtlich für wartende Patienten gedacht war. Direkt geradeaus befand sich eine Doppeltür aus Milchglas. Ein seltsames Gefühl beschlich Julian. Normalerweise bedurfte es ja nur bei den Behandlungsräumen eines Sichtschutzes? Er erwischte sich erneut dabei, wie er sich in Gedanken verlor und wahrscheinlich schon viel zu lang wie angewurzelt im offenen Fahrstuhl stand. Zu seinem Glück schien niemand der Anwesenden, die sich aktuell ohnehin nur auf die beiden jungen Damen am Empfang beschränkten, davon Notiz genommen zu haben. Also überwand Julian sich und trat aus dem Aufzug heraus auf den Empfang zu. Es kam ihm vor, als bewegte er sich in Zeitlupe und die Entfernung erschien ihm endlos, so aufgeregt war er. Als Julian dann an der Rezeption angekommen war, war es zum Glück nicht er, der das erste Wort sprechen musste. "Was kann ich für Sie tun?" Die Brünette am linken Ende der Rezeption hatte ihren Blick erhoben, als Julian auf sie zugekommen war. Sie war vielleicht Anfang dreißig, hatte einen südländischen Teint und trug eine Brille auf ihrer zugegeben hübsch aussehenden Nase. "I-ich bin hier angemeldet für einen stationären Aufenthalt", stammelte Julian mit leicht belegter Stimme und kramte noch beim Sprechen in der Vordertasche seines Trolleys nach den Überweisungspapieren. Schnell hatte er sie gefunden und überreichte sie der Mitarbeiterin. Diese überflog die Dokumente mit routiniertem Blick. "Ah, Herr Bennecke. Wir haben schon mit Ihnen gerechnet. Wie ich sehe, sind auch schon alle Dokumente ausgefüllt und unterschrieben…", sprach sie beiläufig, als sie durch die Papiere blätterte. "Das sieht gut aus. Sie können mir direkt folgen, ich zeige Ihnen ihr Zimmer." Sie stand auf und kam hinter der Rezeption hervor. Die junge Frau war kleiner, als Julian gedacht hatte, vielleicht höchstens einen Meter sechzig. Er überragte sie um gut einen halben Kopf. Julian folgte der jungen Frau, die in Richtung Milchglastür schritt. Kurz vor der Tür blieb sie stehen und griff in die Schublade eines kleinen Schränkchens, welches neben der Tür stand. "Ich muss Sie bitten, die hier überzuziehen." Während sie den Satz sagte, hielt sie ihm zwei blaue Schuhüberzieher aus Nitril hin. "Alles klar", antwortete Julian etwas überrascht und tat wie ihm geheißen. Im nächsten Moment sah er auch, warum die Überzieher notwendig waren, denn hinter der geöffneten Milchglastür kam ein Flur zum Vorschein, dessen Boden mit hellgrauem Teppichboden ausgekleidet war. Julian nahm seinen Trolley in die Hand und folgte der Empfangsmitarbeiterin in den Flur. Der Flur schien sich über die gesamte Breite des Gebäudes zu strecken, denn am Ende war ein Fenster angebracht. Das Licht, welches hindurch fiel, war leicht gedämpft, scheinbar war die Scheibe von außen verspiegelt. Niemand anderes befand sich auf dem Korridor, was Julian etwas befremdlich vorkam. Vielleicht war einfach wenig los zur Zeit. Sie gingen beinahe bis zum Ende des Flures, dann öffnete die Klinikmitarbeiterin eine Tür. Julian fiel sofort auf, dass sie schallgedämmt sein musste, da sie von innen mit einem schaumstoffartigen Bezug versehen war. "Nach Ihnen bitte", sagte die Brünette und wies mit der Hand in Richtung des Zimmers. Julian trat ein und sah sich um. Der Raum, in dem er sich befand, wies denselben hellgrauen Teppich auf, wie der Flur, aus dem er kam. Weiße Schränke und eine Garderobenstange zu seiner Linken schienen wohl der Platz für seine persönlichen Gegenstände zu sein. Weiter hinten an der linken Wand standen nebeneinander zwei große Doppelbetten mit weißem Bezug, neben ihnen jeweils zwei Nachttische mit Lampe. Die Stirnseite bestand aus einer Fensterfront aus wohl ebenfalls verspiegelten, bodentiefen Fenstern. Vor eben jener stand eine kleine Sitzgruppe mit einem Kaffeetisch und Sessel mit dunklem Stoffbezug. Zu seiner Rechten bemerkte Julian eine Tür, wahrscheinlich die des Badezimmers, so mutmaßte er. Die dazugehörige Wand erstreckte sich etwa drei Meter in Richtung der Stirnseite des Raumes, wo sie in einen etwa ebenso langen Raumtrenner in Form eines Anthrazitfarbenen Vorhangs überging. Ein unbekannter Geruch, eine Mischung aus Reinigungsmittel, neuen Möbeln und Desinfektionsalkohol war wahrzunehmen. “Sie können Ihre persönlichen Sachen in einen der Schränke räumen.” Die Rezeptionistin war an Julian vorbeigegangen und zeigte auf die Schränke links von ihm. “Straßenschuhe sind hier nicht erlaubt, Sie können aber die Schlappen dort benutzen, wenn Sie möchten.” Unter der Garderobenstange bemerkte Julian vier Paar säuberlich aufgereihter weißer Gummischlappen, die an Badelatschen erinnerten. “Der Bereich hinter dem Raumtrenner wird nach Ihrer Aufnahmeuntersuchung geöffnet, bis dahin würde ich Sie bitten, dort noch nicht reinzuschauen.” Julian meinte, ein flüchtiges Grinsen über das Gesicht der jungen Frau huschen zu sehen. “Das Bad ist hinter der Tür dort rechts. Ich werde Ihnen jetzt etwas Zeit für sich lassen und in etwa 20 Minuten holt Sie der Doktor zur Aufnahmeuntersuchung ab. Falls Sie irgendwelche Probleme haben sollten, finden Sie mich am Empfang.” Julian bedankte sich zaghaft und die Rezeptionistin verließ den Raum.
Die Tür des Zimmers schloss sich kaum hörbar hinter ihm. Da stand er nun wie bestellt und nicht abgeholt. Julian zog sein Handy aus der Hosentasche und warf einen flüchtigen Blick auf das Display. 15 Uhr und 10 Minuten. Na gut. Julian war mit diesen Momenten der Unsicherheit vertraut und fasste innerlich den Entschluss, etwas dagegen zu unternehmen, bevor ihn seine Ängste und Befürchtungen untätig werden ließen. Ablenkung schien die sinnvollste Methode dafür zu sein. Also wandte Julian sich dem Schrank zu seiner Linken zu und öffnete eine der vier Türen. Der Geruch, der ihm entgegenschlug, ließ alte Erinnerungen an Jugendherbergen wieder wach werden. Der Schrank war in drei Fächer aufgeteilt und in die Tür waren von innen zwei Kleiderhaken geschraubt. Mantraartig sortierte Julian den Inhalt seines Trolleys in den Schrank. Er war darin so vertieft, dass er fast überhörte, wie die Tür zum Zimmer sich erneut öffnete. Julian spürte einen Adrenalinstoß durch seinen Körper jagen. Jetzt wäre seine Zeit gekommen, sich erneut Unbekanntem und vor allem fremden Menschen stellen zu müssen. Seine Befürchtungen entsprachen nur zu einem Teil der Wahrheit, denn als Julian sich umdrehte, erblickte er nicht etwa den Stationsarzt, sondern noch einmal die zierliche Rezeptionsmitarbeiterin, welche offenbar in Begleitung war. Wie Julian vor wenigen Minuten bedeutete sie einer anderen Person, in das Zimmer zu treten. Von Julian aus hinter ihr betrat eine andere Frau das Zimmer. Dem ersten Blick nach zu urteilen, war sie etwa Mitte 20 und ab jetzt wohl Julians Zimmernachbarin. Sie war etwa genau so groß wie Julian, hatte hellbraunes, schulterlanges Haar, welches sie mit einem Scheitel trug, der in den 2010ern einmal ausgesprochen beliebt war und beinahe ihr rechtes Auge überdeckte. Ihre Figur schien durchschnittlich mit einer wohlgeformten Taille, soweit Julian das durch die von ihr getragene Strickjacke und die Röhrenjeans erahnen konnte. Die junge Dame von der Rezeption fing mit denselben Erläuterungen an, die Julian schon gehört hatte und er zwang sich, weiter seinen Schrank einzuräumen, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Als die Kurzeinweisung in das Zimmer zum Ende kam, vernahm Julian einen Satz, den er eben so nicht gehört hatte. “Das ist übrigens Ihr Zimmerpartner, Julian. Sie werden dann beide in etwa zehn Minuten zur Eingangsuntersuchung abgeholt, ich wünsche viel Spaß.” Wieder dieser leichte Hauch eines Lächelns. Oder eines Grinsens? Es schien mehr dahinter als nur professionelle Freundlichkeit zu stecken. Die Zimmertür schloss sich abermals und die junge Frau schien, ähnlich verunsichert wie Julian, erst einmal ihre Gedanken sortieren zu müssen. Julian wandte sich von dem Schrank ab und stellte fest, dass sie sich offensichtlich schneller gefangen hatte als er. “Hey”, sagte sie in einem freundlichen Ton. Ihre Stimme war etwas tiefer, als Julian erwartet hatte und klang ein wenig kratzig. Nicht wie die einer jahrelangen Raucherin, sondern eher als hätte sie kürzlich eine Erkältung durchgestanden und als wäre sie noch ein wenig heiser. Julian fand das irgendwie angenehm, zumindest angenehmer als seine eigene Stimme, die seiner Meinung nach einiges an Volumen mehr gebrauchen könnte. Das gaben aber leider weder seine Stimmbänder, noch sein Resonanzkörper in Form seiner Figur her, so musste er mit dem klarkommen, was seine Gene für ihn vorbestimmt hatten. Für viel mehr als ein “Hey” waren seine Stimmbänder gerade ohnehin nicht zu begeistern, da sein Kopf gerade zu sehr damit beschäftigt war, mit diesem neuen Menschen dort klarzukommen. Zum Glück machte die junge Frau es ihm ein wenig leichter und übernahm die Initiative für den Gesprächseinstieg. “Ich bin übrigens Anna. Du bist auch gerade erst angekommen, wie es aussieht?” Julian warf einen Blick nach hinten in seinen mittlerweile fast ausgepackten Trolley. “Bin noch keine Viertelstunde hier. Ich habe aber auch nicht damit gerechnet, dass heute noch jemand ankommen würde.” “Ja, ich war etwas spät dran, ich hab es manchmal nicht so sehr mit Pünktlichkeit”, beantwortete sie Julians indirekt gestellte Frage und lächelte verlegen. “Außer uns ist noch niemand auf dem Zimmer?” “Nicht, dass ich wüsste”, antwortete Julian und sah nochmal prüfend über die beiden frisch gemachten Betten. “Alles klar, na dann.” Anna schnappte sich ihre mitgebrachte Umhängetasche und fing an, den Inhalt in einen der Schränke zu räumen. Sie ließ einen Schrank zwischen den beiden Platz, was Julian interpretieren ließ, dass sie - ähnlich wie er - nicht sofort Vertrauen zu fremden Menschen fasste. Für ein paar Minuten entstand so etwas Ähnliches wie eine peinliche Stille zwischen den beiden beim Einräumen der Schränke. Julian dachte kurz über ein Thema zum Reden nach, wobei ihm tatsächlich einige einfielen, er aber keines als so wichtig oder angebracht hielt, um es zu besprechen. Er würde bestimmt noch genug Zeit dazu haben. Nachdem er seine Schuhe mitsamt der Überzieher im unteren Fach des Schranks verstaut hatte, sah er noch einmal über seine vielleicht etwas zu gründlich getane Arbeit, schloss den Schrank und setzte sich auf das Bett nahe der Fensterfront. Seine Nervosität kehrte langsam aber sicher wieder zurück. Er sah nochmal auf sein Handy. 15 Uhr und 22 Minuten. Sie konnten also jederzeit abgeholt werden. Anna schien auch langsam zum Ende zu kommen und als hätte er es mit seinen Gedanken beschworen, öffnete sich die Zimmertür und ein schlanker Mittdreißiger in weißem Kittel erschien im Türrahmen.