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Aufrufe: 260 Created: Vor 2 Wochen Updated: Vor 2 Wochen

Der Behandlungsstuhl

Die Entdeckung

Mara blieb im Türrahmen stehen.

Ein Hauch von abgestandenem Desinfektionsmittel lag in der Luft, durchzogen vom dumpfen Geruch alten Leders.

Vor ihr stand der Behandlungsstuhl – groß, schwer, braun gepolstert. Die breite Rückenlehne und die wuchtigen Armauflagen wirkten wie aus einem Stück gegossen, stabil und unnachgiebig. Daneben der Lampenarm mit dem runden, milchigen Schirm, leicht geneigt, als hätte ihn jemand beim letzten Gebrauch hastig weggedreht.

Sie trat zögernd ein. Der Boden unter ihren Schuhen knarzte, winzige Staubwirbel tanzten im Licht, das durch die halb geschlossenen Jalousien fiel.

Je näher sie dem Stuhl kam, desto deutlicher sah sie, dass er anders war als die alten Zahnarztstühle, die sie aus ihrer Kindheit kannte.

Auf beiden Armlehnen waren Hand-Manschetten befestigt: breite, ledergepolsterte Metallbänder mit einem seltsamen Scharnier und einer kleinen Schiebemechanik an der Außenseite.

Mara beugte sich vor. Das Leder war glatt, leicht glänzend und fühlte sich kühl an unter ihren Fingern. Sie roch den leichten, scharf-metallischen Ton des Metalls, gemischt mit einer Spur altem Öl – als würde der Mechanismus noch gepflegt.

Sie fragte sich, ob solche Gurte damals bei besonders unruhigen Patienten benutzt wurden. Ein vager Schauer lief ihr über den Rücken, während sie sich vorstellte, wie jemand hier festgehalten wird. Sie hat Zahnarzt noch nie sonderlich gemocht, der Gedanke, hier in diesem Stuhl wehrlos ausgeliefert zu sein, arbeitete in ihr.

Ihre Hand glitt über das Sitzpolster. Das Material gab kaum nach – straffer als ein Sessel, aber mit einer gewissen Elastizität, die sie einladend fand.

Fast unwillkürlich setzte sie sich.

Das Gefühl war sofort intensiv: Die Sitzfläche nahm ihr Gewicht gleichmäßig auf, das hohe Rückenpolster stützte sie, und für einen Augenblick schloss sie die Augen.

Ein Kribbeln lief ihr den Nacken hinab – eine Mischung aus Faszination und einer seltsamen, kitzelnden Nervosität.

Bilder flackerten in ihrem Kopf auf: Der Zahnarztbesuch vor vielen Jahren, das helle Licht, das Knirschen der Instrumente, die aufdringlich freundliche Stimme einer Helferin.

Sie erinnerte sich daran, dass sie seit Jahren nicht mehr bei einer Kontrolle gewesen war. Immer war etwas dazwischengekommen – oder, genauer gesagt, hatte es absichtlich vor sich hergeschoben und immer wieder neue Ausreden gefunden.

Der Gedanke, hier in einem Stuhl zu sitzen, der nach Behandlung roch, ließ ihr Herz schneller schlagen.

Sie betrachtete die Manschette an ihrem rechten Arm.

'Nur mal kurz fühlen', dachte sie. Die Neugier war stärker als die Vernunft, die Faszination übermannte sie. Als sie die Manschette über ihr Handgelenk legte, schmiegte sich das Leder eng an ihre Haut. Die drückte den Metallbügel leicht von oben an.

Ein kleiner, federnder Widerstand – und dann ein leises Klick. Der Verschluss schien sich wie von selbst zu schließen.

Sie erschrak und fing an, mit der anderen Hand wild an dem Mechanismus zu fummeln. Mit einigem Druck schob sie den Schieberegler zur Seite und die Manschette sprang auf. Erleichtert atmete sie durch.

Mit steigender Neugier und Faszination drückte sie den Bügel wieder herunter, und der Mechanismus rastete mit einem leisen “Klick” ein.

Ihr Atem ging flacher. Der innere Lederriemen umschloss ihr Handgelenk mit sanftem, aber unnachgiebigen Druck. Sie versuchte sich vorzustellen, wie man sich als Patient damals gefühlt haben mochte, wenn man komplett mit beiden Armen fixiert am Behandlungsstuhl hier gesessen hat.

Sie hob den anderen Arm, zögerte, doch das Gefühl, die Symmetrie zu vervollständigen, war unwiderstehlich. Sie legte den anderen Arm in die Manschette, das Kribbeln verstärkte sich.

‘Nur mal den Bügel andeutungsweise schließen”, dachte sie. Sie würde ihn ja nicht einrasten lassen, aber das Gefühl würde authentischer.

Da die rechte Hand fixiert war, war es gar nicht so einfach, den zweiten Bügel zu schließen. Vorsichtig zog sie ihn mit zwei Fingern hoch, dann ließ sie ihn vorsichtig fallen, während sie die Hand nach vorne ausstreckte. Die Schwerkraft zog den Bügel herunter und er legte sich um ihr anderes Handgelenk. Leider hatte dieser mehr Schwung, als erwartet:

Ein zweites Klack hallte durch die Stille des Raumes - lauter, endgültiger.