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Lauras ungeplanter Zahnarzttermin

Der Abschluss

Die Unterhaltung ist vorbei – die Tür schwingt auf, und Dr. Braun betritt mit seiner Helferin das Zimmer. Seine Schritte wirken entschlossen, schwungvoll nimmt er neben seiner Patientin platz.

„Wirken die Spritzen?“, fragt er beiläufig, während er sich seine Handschuhe überstreift. Laura nickt stumm. Die Lust zu sprechen ist ihr vergangen.

„Perfekt“, murmelt Dr. Braun zufrieden, greift den Bohrer und bringt ihn in Stellung. „Dann wollen wir es zu Ende bringen.“

Das Geräusch der Turbine heult in ihren Ohren auf, doch diesmal ist da nichts – kein Schmerz, kein Ziehen, nur ein dumpfes Summen. Es ist, als würde der Zahn jemand anderes behandelt,wäre da nicht der leichte Druck auf den Unterkiefer.

Laura atmet auf und versucht, sich zu entspannen. Sie lehnt sich bewusst lässig zurück, versucht nochmal, ihre ganze Coolness raushängen zu lassen. Ihr Blick schweift zu Sophie, als wollte sie zeigen: ‘Schau, Zahnarzt ist kein Problem für mich’.

Als Sophie ihr die Hand zum Halten anbietet, winkt Laura selbstsicher ab. Sie will schließlich Stärke zeigen, sie ist ja schließlich keine Memme.

Der Bohrer arbeitet unablässig weiter. Irgendwann schleicht sich ein Gedanke in ihren Kopf: ‘Wie viel kann man von einem Zahn eigentlich wegbohren?’ Ein flüchtiges Schaudern überkommt sie, doch sie verdrängt es rasch – der Zahnarzt weiß, was er tut. Als Dr. Braun dann das Handstück wechselt und ein schwerfälligeres, brummendes Geräusch aus dem Bohrer dringt, spannt sie sich unwillkürlich an. Die Vibrationen sind unangenehm, aber immerhin schmerzfrei.

Dr. Braun richtet sich schließlich auf, nickt zufrieden und fährt Lauras Sitz nach oben. Plötzlich Stille, der Lärm von Bohrer und Sauger hallt noch in ihren Ohren nach. Laura atmet durch.

Ein leises Plätschern im Plastikbecher im Spuckbecken kündigt an, dass sie wieder spülen kann. Laura wirft Sophie einen vielsagenden Blick zu, ganz nach dem Motto: ‘Alles easy, keine große Sache’.

Sie setzt den Becher an. Es fühlt sich etwas komisch an, die Hälfte ihrer Lippen haben kein Gefühl. Sie lässt sich nichts anmerken und spült eifrig, dann versucht sie, das Wasser in Form eines dünnen Strahls wieder auszuspucken.

Das klappt aufgrund der Betäubung leider gar nicht. Ihre Lippen gehorchen ihr nicht, und die Hälfte des Wassers läuft ihre taube Lippe herunter, tropft teilweise in das Spuckbecken, aber teilweise auch ihr Kinn entlang auf das Plastiklätzchen. Ein Speichelfaden, durchtränkt mit etwas Blut, hängt ihr Kinn herunter. Laura sucht hektisch nach einer Serviette oder ähnlichem.

Sophie prustet unwillkürlich auf, als sie das sieht. “Oh je, Laura”, lacht sie laut und Laura würde am liebsten im Boden versinken. “Gut, dass du ein Schlabberlätzchen trägst”, kichert Sophie.

Die Helferin wendet sich Laura zu und tupft ihr Kinn ab, wobei sie Laura mit überheblichen Blick betrachtet. Schließlich reicht sie ihr ein Kleenex, damit sie nochmal selbst ihren Mund abtrocknen kann.

Dr. Braun, schon längst wieder ungeduldig, deutet auf die Lehne des Behandlungsstuhls: „Bitte wieder anlehnen.“

Widerstrebend lässt sich Laura zurücksinken, als der Stuhl ein weiteres Mal in Liegeposition fährt. Wieder kippt er weit und immer weiter nach hinten. Ihre anfängliche Anspannung ebbt leicht ab – sie weiß ja, dass sie nichts mehr spüren wird. Trotzdem bleibt das Gefühl des ausgeliefert seins.

Kaum haben sich Bohrer und Sauger wieder positioniert, unterbricht ein lautes Brummen die Stille. „Ach Mist, mein Handy!“, sagt Sophie, zieht es hervor und wirft einen schnellen Blick auf das Display. „Da muss ich ran.“. Sophie steht auf und verschwindet mit hastigen Schritten auf den Flur.

Dr. Braun beugt sich erneut über sie, und das vertraute Kreischen des Bohrers erfüllt den Raum. Laura versucht, Sophies telefonierende Stimme draußen auszublenden. Trotz des Lärms von Bohrer und Sauger hört sie Sophie noch sagen “Ja, ich bin hier mit Laura beim Zahnarzt, du hörst es ja (*kichern*)”, dann übertönt das laute Geräusch des Saugers ihre Worte.

„So, das wär’s“, murmelt Dr. Braun endlich und wirft einen letzten prüfenden Blick auf den Zahn. Dann nickt er der Assistentin zu: „Bereiten Sie das Füllmaterial vor.“

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Nett1 Vor 1 Jahr 1