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Lauras ungeplanter Zahnarzttermin

Dr. Braun

Laura räuspert sich, um etwas zu sagen, doch bevor sie die Worte findet, öffnet sich die Tür erneut und Dr. Herrmann Braun, ihr Zahnarzt, tritt ein. Der ältere Mann, der sie schon in früheren Terminen malträtiert hat, schaut kurz in ihre Akte, bevor er zu ihr herüber blickt. “Laura“, begrüßt er sie trocken und nickt kaum merklich. „Es ist also wieder einige Jahre her, seit wir dich das letzte Mal gesehen haben.“ Seine Augen ruhen für einen Moment auf ihren verfärbten Schneidezähnen, und sie fühlt sich, als würde er sie direkt dafür verurteilen.

„Ja, es ist... schon eine Weile her“, stammelt Laura und verflucht sich innerlich für diese Antwort. Sie fühlt sich wie eine Schülerin, die von ihrem Lehrer zur Rede gestellt wird. Sophie sitzt schweigend im Stuhl daneben und beobachtet das Geschehen mit einer Mischung aus Interesse und Sorge.

„Nun gut, dann schauen wir uns das Ganze mal an“, sagt der Zahnarzt, wobei er die Handschuhe anzieht. Ohne weitere Worte drückt er einen Knopf am Stuhl, und dieser beginnt sich langsam in die horizontale Position zu senken. Laura spürt, wie sich ihr Herzschlag beschleunigt. Sie hasst es, so ausgeliefert dazuliegen, den Blick starr auf das grelle Licht über ihr gerichtet. Die Erinnerung an das letzte Mal, als der Bohrer in ihrem Mund gewesen war, brennt sich in ihre Gedanken.

„Machen Sie bitte den Mund auf“, fordert Dr. Braun sie auf. Laura tut, wie ihr geheißen, doch die Anspannung in ihrem Kiefer lässt sich nicht leugnen. Der Zahnarzt beginnt mit der Untersuchung, fährt mit dem Spiegel über ihre Zähne, klopft leicht mit dem Metallinstrument an verschiedene Stellen. Immer wieder murmelt er leise Zahlen, die die Helferin notiert.

Laura schließt die Augen. Sie kann das Gefühl nicht abschütteln, dass gleich etwas Unangenehmes passieren wird. Sophie, die neben ihr sitzt, schaut ihr mit aufmunterndem Lächeln zu, doch das beruhigt Laura kaum.

Laura kämpft gegen den Drang an, die Augen fest zuzukneifen, während Dr. Braun ungerührt seine Untersuchung fortsetzt. Jeder Druckpunkt, den er mit dem kalten Metallwerkzeug testet, lässt sie innerlich zusammenzucken. Die Geräusche der Instrumente, das Klicken des Spiegels gegen ihre Zähne und das Schaben an den Zahnflächen, scheinen lauter und bedrohlicher, als sie es in Erinnerung hatte. Es ist, als ob jeder Ton die Anspannung in ihrem Körper weiter aufbaut.

„Hm“, macht Dr. Braun plötzlich und zieht das Instrument aus ihrem Mund. „Hier sind ein paar Stellen, die dringend behandelt werden müssen.“ Er wendet sich an die Assistentin, ohne Laura wirklich anzusehen. „Wir haben eine größere Karies an den hinteren Backenzähnen und zwei alte Füllungen, die dringend erneuert werden müssen.“ Laura fühlt, wie ihr Herz bis zum Hals schlägt. Füllungen? Mehrere? Sie wusste, dass ihre Zahnpflege in den letzten Jahren nicht perfekt war, aber das...?

Sophie sitzt nach wie vor still neben ihr, und Laura überlegt fieberhaft, wie sie aus dieser Situation herauskommt. Ihre Gedanken überschlagen sich. Sie könnte sagen, dass sie heute nur zur Kontrolle hier ist, dass sie keine Zeit für eine Behandlung hat. Doch die stumme Gegenwart ihrer Freundin macht es schwerer, als es sein sollte. Wie soll sie erklären, dass sie diese Prozedur – diesen Eingriff, der jetzt unausweichlich scheint – so fürchtet?

„Wir sollten das gleich angehen“, sagt Dr. Braun in sachlichem Tonfall, ohne einen Anflug von Mitgefühl in seiner Stimme. „Je länger wir warten, desto schlimmer wird es.“ Er blickt kurz zu Laura, dann zu Sophie, bevor er weiter mit der Assistentin spricht. „Bereiten Sie alles vor.“

Laura blinzelt und sieht, wie die Helferin wortlos beginnt, das Bohrer-Set vorzubereiten. Das scharfe Geräusch des Saugers und das metallische Klappern der Instrumente bringen Lauras schlimmste Erinnerungen zurück. Sie öffnet den Mund, um zu protestieren, aber die Worte bleiben stecken. „Äh…“, stammelt sie schließlich, ihre Stimme dünn und zittrig. „Ähm… Dr. Braun?“ beginnt sie zögerlich, während sie ihren trockenen Hals räuspert. „Ich denke, es wäre vielleicht besser, wenn wir das heute bei der Kontrolle belassen und… ähm… einen Folgetermin vereinbaren könnten?“ Ihre Stimme klingt unsicher, doch sie zwingt sich, standhaft zu bleiben. „Ich habe heute leider nicht so viel Zeit.“

Dr. Braun hebt den Kopf, wirft ihr einen durchdringenden Blick zu und legt sein Werkzeug ruhig zur Seite. „Laura“, beginnt er mit kühler Professionalität, „die Karies, die wir entdeckt haben, ist kein kleiner Befund. Wenn wir das jetzt nicht behandeln, wird es schlimmer. Du hast doch nicht etwa Angst?“, fragt er mit einem Seitenblick zu Sophie.

Laura spürt, wie ihr die Felle davonschwimmen, aber sie versucht es weiter. „Vielleicht könnte ich…“ Sie ringt nach Worten, „vielleicht könnte ich einfach nächste Woche wiederkommen? Dann bin ich besser vorbereitet.“

Doch bevor sie ihre Notlüge weiter ausführen kann, spürt sie Sophies Blick auf sich. Ihre Freundin beugt sich leicht nach vorne und spricht sanft, aber bestimmt. „Laura, du weißt, dass es besser ist, das gleich zu machen. Je länger du wartest, desto unangenehmer wird es..“ Sophie spricht mit einer besorgten, aber klaren Stimme. „Wir wissen beide, dass du nicht gerne zum Zahnarzt gehst. Daher ist es wirklich das Beste, wenn du das heute hinter dich bringst.“

Laura blinzelt, überrumpelt von Sophies Worten. Ihre eigene Freundin fällt ihr in den Rücken – genau in dem Moment, in dem sie gehofft hatte, einen Verbündeten zu haben. „Aber…“, beginnt sie erneut, doch Sophie unterbricht sie sanft.

„Du schaffst das, Laura“, fügt Sophie hinzu. „Es aufzuschieben wird nicht besser, und heute kann ich dir sogar Händchen halten.”

Dr. Braun nickt zustimmend. „Ihre Freundin hat recht“, sagt er sachlich. „Heute haben wir Zeit, und danach musst du dir keine Gedanken mehr darüber machen. Du möchtest es doch auch schnell hinter dir haben, nicht wahr?“. Darauf kann Laura nur nicken.

Laura fühlt sich in die Enge getrieben. Ihre letzte Hoffnung auf eine Ausrede, eine Möglichkeit, dem Ganzen zu entkommen, schwindet unter dem Druck sowohl von Dr. Braun als auch von Sophie.

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Nett1 Vor 1 Jahr 2
Nett1 Vor 1 Jahr 1