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Aufrufe: 613 Created: Vor 1 Jahr Updated: Vor 1 Jahr

Lauras ungeplanter Zahnarzttermin

Es wird ernst

Während Laura auf ihrem Plastikstuhl im Wartezimmer sitzt und krampfhaft versucht, sich mit der zerfledderten Illustrierten abzulenken, gehen ihre Gedanken in alle Richtungen. Sie denkt über die Party der letzten Nacht nach, über den blöden Moment, als sie den Termin vereinbart hat, und über die Kosten, die sie nicht riskieren kann, falls sie jetzt einfach wieder verschwindet. Mit jedem Schmatzen des Saugers hinter der Tür zieht sich ihr Magen mehr zusammen. 'Ich will das nicht', denkt sie immer wieder. Ihr Blick wandert umher, doch nichts kann die wachsende Nervosität vertreiben.

Plötzlich geht die Tür auf, und zu ihrer Überraschung betritt Sophie die Praxis. „Sophie?!“ Lauras Stimme ist eine Mischung aus Erleichterung und Verwunderung. Sophie hebt lächelnd eine Hand, als wolle sie die Situation entschärfen. „Ich dachte, du kannst ein bisschen moralische Unterstützung gebrauchen“, sagt sie leicht, als ob das alles nichts wäre.

„Du… das ist wirklich lieb“, murmelt Laura, obwohl sie insgeheim nicht sicher ist, ob Sophies Anwesenheit das Ganze wirklich besser macht. Es fühlt sich fast noch erniedrigender an, dass ihre Freundin sie jetzt so sieht – nervös, verunsichert und gezwungen, eine Situation durchzustehen, die sie nur sich selbst zu verdanken hat.

Bevor sie etwas erwidern kann, öffnet sich die Tür zur Praxis, und eine kühle Stimme ruft: „Frau Hoffmann?“

Laura erstarrt. Das war’s. Keine Zeit mehr, sich zu drücken. Sie erhebt sich schwerfällig, gibt Sophie ein unsicheres Lächeln und folgt der Helferin in den Flur. Die Helferin, jung, streng wirkend und offensichtlich routiniert, führt sie wortlos in ein Behandlungszimmer.

Sophie spürt, wie die Atmosphäre plötzlich drückender wird, als sie das sterile Behandlungszimmer betritt. Die Luft ist schwer vom Geruch nach Desinfektionsmitteln und dem metallischen Nachklang eines kürzlich benutzten Bohrers.

Es ist das Behandlungszimmer, dass sie seit ihrer Jugend nur zu gut kennt. Auch den Bohrer hat sie ausgiebig in Aktion erlebt. Fast immer, als sie hier Platz genommen hatte, kam er zum Einsatz. Nicht nur einmal hat sie hier in diesem Stuhl dabei vor Schmerzen aufgestöhnt.

"Bitte hier Platz nehmen", sagt die Helferin sachlich und deutet auf den Behandlungsstuhl. Ihre Stimme ist nüchtern, fast kalt, und die Routine ihrer Bewegungen lässt keinerlei Empathie erkennen. Sophie lässt sich langsam auf den Stuhl sinken, das grelle Licht der Lampe direkt über ihr blendet sie, als sie nach oben blickt. Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlägt, obwohl sie sich einredete, dass alles Routine sei, und dass sie sich heute aus dem Staub machen werde, bevor der Bohrer zum Einsatz kommt.

Während sie den Kopf auf die Lehne legt, kneift sie die Augen kurz zusammen. Der Stuhl ist unbequem. Die Beine liegen auf der Beinablage höher, als ihr Hintern. Die nach hinten geneigte Sitzfläche sorgt dafür, dass sie unweigerlich tiefer in den Stuhl rutscht. Die Armlehnen fühlen sich kalt an. Es ist dieser Moment, in dem sie völlig ausgeliefert ist – ein Gefühl, das sie seit ihrer Kindheit hasst. Mit jedem Atemzug wird die sterile, mechanische Umgebung des Raumes bewusster. Die Helferin bereitet in der Zwischenzeit alles vor, greift wortlos nach verschiedenen Instrumenten, die mit metallischem Klicken auf einem Tablett landen. Der Klang hallt in Lauras Ohren wider, verstärkt das beklemmende Gefühl.

Als die Helferin ihr schließlich eine Plastikumhang um den Hals legte, den sie festzieht, spürt Laura den Kloß in ihrem Hals größer werden. Der feste Druck des Umhangs verstärkte ihre Ohnmacht, und sie fühlt sich, als wäre sie jetzt endgültig ausgeliefert.

Erst in diesem Moment registriert Laura, dass ihre Freundin Sophie mit ins Behandlungszimmer gegangen ist und zurückhaltend Platz im Besucherstuhl nimmt. Es ist ihr peinlich, so gesehen zu werden, und lächelt verlegen zu ihr rüber. Sie überlegt, mit welchem Argument sie Sophie ins Wartezimmer zurückschicken könnte?