Mal statt "Einschweifen" ein Abschweifen als Gegenstand:
Verarbeiten des Alleinseins.
Als vaterlos aufgewachsenes Kind denke ich an die Frauen, die nach Ehe und Mutterschaft durch den Soldatentod des Partners die Freuden und Probleme des gemeinsamen Familienlebens in der Nachkriegszeit allein meistern mußten. Da keine freien Bewerber vorhanden waren, blieb das Abwerben anderer Ehemänner oder der Verzicht und die Einsamkeit beim Bewältigen der Lebensprobleme. Meine Mutter, mit aller guter äußerer wie Intelektueller Ausstattung, war zu stolz zu solchem Raub, kämpfte allein für den Unterhalt ihrer zwei Kinder.
Nach dem Einmarsch der Befreier im Mai 1945 schwärmten von unserer Fernstraße kommend, allabendlich sexhungrige Soldaten aus, vor denen die vorhandenen jungen deutschen Frauen von den verbliebenen alten Männern nicht geschützt noch versteckt werden konnten. So war auch meine Mutti mehrmals gerade noch der Vergewaltigung entkommen. Einmal verbarg ich sie gerade noch schnell im Kleiderschrank hinter schräg gestellten Mänteln...
Auf der Flucht vor solch nächtlicher russischer Bedrohung war sie abends an einen abseits verborgen liegenden Förstereiteich gelangt, wo schon andere Frauen ihre Decken zum versteckten Übernachten ausgebreitet hatten. Da es sich fast ausschließlich um junge Witwen handelte, verband sie Gefahr und Zukunftssorge.
Daraus entwickelte sich in der Folge ein Gemeinschaftsgefühl aus Sorge um die Kinder wie das eigene Schicksal.
Diese verwitweten Kämpferinnen, von der Studierten, der Facharbeiterin und bis zu Ungelernten, meist gut um die dreißig Jahre alt, bildeten später einen losen Kreis, der auch häufige gemeinsame Freizeitgestaltung einschloß.
Gegenseitige Beratung, Wanderungen, Leseabende und Liederstunden verbanden in der Folge Mütter und Kinder über lange Zeit.
Nun meine Frage: Ist es denkbar, daß sich unerfüllte Liebeswünsche in solche geistig-körperliche Aktivitäten sublimieren?
In Zeiten existenzieller Forderungen auch zu lebensschmückenden Gemeinsamkeiten führen?
Die Suche nach dem Nonplusultra in heutiger Zeit könnte in evtl. eintreffenden schwer erträglichen künftigen Epochen abgelöst werden...
Was meinen die Denkenden zur neuen Losung: Gute Verbindungen und gemeisame Freuden für die Zeit auch ohne körperliche Liebe?
Fragt ein alter Klysophil....