Der erste Zahnarztbesuch nach 5 Jahren
Teil 1
Der Stuhl quietscht nicht, als du dich hinsetzt, er ist neu, schwarzes Kunstleder, noch unversehrt. Deine Schuhe aber quietschen. Immer noch Linoleum. Immer noch dieser Geruch, dieses Gemisch aus Phenol und alter Angst, diesmal aber anders: fremder, intensiver. Die Luft im Wartezimmer liegt schwer, gesättigt von den Exsudaten der Vormittagsbehandlung, ein Hauch von verbranntem Dentin mischt sich unter das Chlor, süßlich, penetrant, wie eine ferne Erinnerung.
Zwei andere sitzen schon. Ein älterer Mann blättert lustlos in einer Zeitschrift, eine junge Frau starrt auf ihr Handy, die Finger kalt um das Gehäuse gekrallt. Du hattest den Stuhl gewählt der am weitesten von der Glastür des Behandlungsraums entfernt ist. Durch das Milchglas siehst du Schemen, Bewegungen, ein aufleuchtendes Grellweiß, das kurz die Konturen eines zurückgelehnten Kopfes zeichnet, dann erlischt es wieder. Die Turbine pfeift durch die Wand, gedämpft, aber unmissverständlich, ein schrilles Mückensummen, das in der Pause nachhallt, dann wieder ansteigt. Du hörst ein kurzes, unterbrochenes Lachen der Assistentin, dann eine Stimme, die durch die Maske spricht, unverständlich an Gehalt, unmissverständlich aber im Tonfall.
Eine Tür klickt. Metall auf Metall. Dann Schritte auf Linoleum, direkt auf den Warteraum zu. Die Assistentin, mittelblond, die Maske um den Hals gehängt, mustert dich mit einem Blick, der schon alles weiß, ohne dass du ein Wort gesagt hast. "Herr…?“ Sie hat deine Karteikarte schon in der Hand.
Die Assistentin deutet auf die geöffnete Tür zum Behandlungsraum. "Kommen Sie bitte.“ Kein Bitte. Ein Befehl in Höflichkeitsverpackung. Du stehst auf, die Beine schwer, und gehst hinein.
Der Raum ist hell, fast chirurgisch. Zwei Behandlungseinheiten, nebeneinander, durch einen halbhohen Tisch getrennt. Die linke ist noch besetzt. Eine Patientin steht gerade auf, tupft sich den Mundwinkel mit einem Papiertuch ab, ihre Augen leer, die Hände zitternd. Sie würdigt dich keines Blickes. Die rechte Einheit gehört dir. Der Stuhl ist schon zurückgelehnt, der Kopfteil mit frischer Folie bezogen, die Lampe hängt tief, bereit. Ein silbernes Tablett glänzt, die Instrumente liegen aufgereiht: Spiegel, Sonde, Pinzette, und daneben, auf einem separaten Pad, verschiedene Bohrer in einem Stecktray.
Dann siehst du sie.
Die Zahnärztin steht am Waschbecken, die Hände unter laufendem Wasser, schäumt grüne Desinfektionslotion auf, reibt Fingernagel für Fingernagel, methodisch, fast zelebrierend. Sie ist Ende vierzig, das Gesicht kantig, die Augen stahlgrau, der Mund ein schmaler, leicht asymmetrischer Strich. Ihr weißer Kittel sitzt perfekt, keine Falte, die Haare streng zum Dutt gebunden. Sie trocknet die Hände ab, ein einziges, abruptes Rubbeln mit dem Zellstofftuch, dann greift sie zu den Einmalhandschuhen... Latex weiß und lässt sie mit einem hellen, scharfen Plopp über die Handgelenke schnappen. Sie dreht sich zu dir, der Mundschutz hängt noch um den Hals, ihr Blick wandert von deinen Augen zu deinem Mund, bleibt dort, als könnte sie durch die geschlossenen Lippen hindurchsehen.
"Setzen Sie sich.“
Du setzt dich. Der Stuhl ist kalt, selbst durch die Hose spürst du das Kunstleder. Sie tritt neben dich, die Assistentin erscheint mit einem frischen Tablett, stellt es ab, das metallische Klirren hallt. Die Zahnärztin drückt auf einen Knopf, der Stuhl neigt sich zurück, langsam, aber du spürst, wie dein Kopf immer tiefer sinkt, bis du fast liegst, die Lampe direkt über deinem Gesicht, das Licht blendet, selbst durch geschlossene Lider brennt es rot.
"Weit auf.“
Du öffnest den Mund. Die Sonde gleitet ein, kalt, spitz, tastet. Sie fährt über die Frontzähne, schnell, uninteressiert. Dann zu den Prämolaren, bleibt dort kurz. Dann zu den Molaren. Die Sonde bleibt hängen, sticht leicht in die Okklusalfläche von 36, deinem ersten unteren Backenzahn links. Du zuckst kaum merklich. Sie spürt es.
"Aha“, macht sie. Ein Laut. Kein Wort.
Sie zieht die Sonde heraus, greift nach dem Spiegel, fährt um den gesamten Zahnbogen, langsam, studierend. Dann bleibt sie wieder an 36. Sie drückt mit der Sonde in die Fissur, tiefer diesmal. Ein stechender, kurzer Schmerz schießt durch deinen Kiefer. Du atmest scharf ein.
"Sie spüren das“, sagt sie. Wieder keine Frage. Sie weiß es. "Wann war denn die letzte Kontrolle?" Sie lehnt sich zurück. Du schluckst. "Fünf Jahre… etwa.“
Die Zahnärztin wendet sich an die Assistentin: "Dann machen wir mal ein Panorama bitte."
"Fünf Jahre“, wiederholt sie, langsam, als würde sie sich es auf der Zunge zergehen lassen. Sie tauscht einen kurzen Blick mit der Assistentin... ein Lächeln? Nein, kein Lächeln. Das Zucken eines Mundwinkels, das an eine Schadenfreude grenzt, die noch nicht ganz ausgebrochen ist.
Das Röntgen geht schnell. Du stehst in der engen Kabine, beißt auf den Plastikbiss, die Maschine summt einmal um deinen Kopf, dann ist es vorbei. Die Aufnahmen erscheinen auf dem Monitor im Behandlungsraum, noch bevor du dich wieder gesetzt hast. Die Zahnärztin steht davor, die Arme verschränkt, betrachtet die Schwarz-Weiß-Konturen deiner Zähne, die Wurzeln, die Kronen, die dunklen Flecken unter einigen Füllungsrändern, kleine Schatten, die sich ausbreiten wie Schimmel. Sie tippt mit dem Finger auf den Bildschirm.
"Da“, sagt sie, auf 36 zeigend. "Sekundärkaries unter der Füllung. Geht Richtung Pulpa.“ Sie tippt auf 37. "Distal auch was. 46 Mesial, okklusal, distal. Der wird eine Überraschung.“ Sie dreht sich zu dir, das erste Mal mit einem echten Blickkontakt, stahlgrau, kalt, fast amüsiert. "Da haben wir ja einiges zu bohren...“
Du liegst wieder im Stuhl. Der Kopf überstreckt, die Lampe grell, der Sauger liegt schon auf deiner Brust, bereit. Die Zahnärztin steht über dir, die Assistentin daneben, die Hände bereits in neuen Handschuhen. Die Ärztin greift zur Turbine, klickt den Fräser aus der Halterung, betrachtet ihn kurz, ein kleiner, runder Diamantkopf und setzt einen neuen ein. Einen großen. Einen groben. Zylindrisch, die Körnung so stark, dass die Diamanten im Licht funkeln, wie winzige Messer.
"Wir fangen mit 36 an“, sagt sie. "Ganz brav weit auf."
Du öffnest. Die Turbine heult auf, erst leise, dann schrill, ein durchdringendes Fiepen, das durch den gesamten Schädel zu gehen scheint. Sie setzt okklusal an kein vorsichtiges Antasten, kein Probieren. Der Druck ist sofort da, massiv, die Vibrationen pflanzen sich durch den Zahn, durch den Kieferknochen, bis in die Schläfe. Du spürst, wie der Diamant sich durch den alten Amalgamrest frisst, durch Schmelz, durch Dentin, tiefer, immer tiefer.
Die Turbine senkt sich weiter. Sie fräst die mesiale Wand weg, systematisch, die Öffnung zum Nachbarzahn wird breiter, die Kavität klafft. Das Wasser spritzt, die Assistentin saugt ab, das Schlürfen des Saugers mischt sich mit dem Pfeifen der Turbine. Die Zahnärztin spricht während des Bohrens, die Stimme ruhig, fast entspannt, als würde sie über das Wetter reden: "Das hätte man vor zwei Jahren machen müssen. Jetzt ist die Hälfte vom Zahn weg.“ Sie hält kurz inne, zieht den Bohrer zurück, spritzt Wasser in die Kavität, das kalte Zischen fährt durch den Nerv, du zuckst. "Ja, ich weiß“, sagt sie, ohne Mitgefühl. "Deshalb putzt man auch zweimal am Tag und benutzt Zahnseide."
Die Assistentin reicht ihr einen längeren Fräser einen birnenförmigen, grob diamantiert. Die Ärztin klickt ihn ein, setzt an der lingualen Wand an. Der Bohrer greift sofort, dringt tief in die Zahnsubstanz ein, jeder Millimeter ein kleiner Stich, der durch die Nervenbahnen zieht. Du presst die Augen zu, die Hände ballen sich, die Fußspitzen krallen sich in die Sohlen deiner Schuhe.
Du spürst, wie jeder Druck, jede Vibration näher an den Nerv kommt, wie eine zweite Haut, die sich langsam abzieht. "Das ist schon ziemlich tief“, kommentiert sie, fast bewundernd.
Sie wechselt den Bohrer erneut, jetzt ein konischer Diamant, lang, aggressiv und geht an die distale Fläche. Der Schmerz ist jetzt ein allumfassendes Ziehen das vom Zahn ausstrahlt in den Kiefer, in die Wange, bis ins Ohr. Du atmest flach, stoßweise, versuchst, nicht zu schreien, nicht einmal zu stöhnen, denn du weißt, dass sie genau darauf wartet. Dass sie diesen Laut hören will, ein Eingeständnis, in dem einnehmenden Triumphgeheul ihrer Turbine.
"Gleich“, sagt sie, aber ihre Stimme klingt nicht beruhigend. Der Bohrer pfeift noch einmal schrill, sie drückt den ihn tief in die Okklusalfläche, entfernt den letzten Rest der alten Füllung, das Amalgam verwirbelt mit Wasser und Dentinspänen zu einer grauen Brühe, die die Assistentin mit mühelosen, geübten Bewegungen absaugt. Deine Schultergürtelmuskulatur spannt sich reflexartig als sie mit zügigen Schnitten die gesamte Fläche großzügig ausbohrt.
Dann endlich ebbt das Pfeifen ab.
Der Sauger wird aus deinem Mund gezogen. Du liegst da, der Kiefer schmerzt, die Zunge tastet automatisch an die präparierte Stelle, eine scharfkantige, tiefe Mulde, die sich anfühlt wie ein Krater. Du öffnest die Augen. Die Zahnärztin über dir, den Mundschutz noch hochgezogen, ihre Augen sind unlesbar.
"So“, sagt sie. "Miri machst du mir Amalgam an 36, und dann noch einen Termin aus für den Herrn. "
Sie nimmt den Mundschutz ab, hängt ihn um den Hals, wirft der Assistentin einen kurzen Blick zu: "Ah ja und trag mir bitte 37 und 46 ein. Aber 46 schauen wir uns genau an, ich denke, da machen wir gleich eine Überkronung draus. Sie wäscht sich die Hände, ohne dich noch eines Blickes zu würdigen.
Die Assistentin beugt sich über dich, schiebt dir den Sauger wieder in den Mund, wischt über deine Lippen. "So dann machen wir zwei mal die Füllung"...
super geschrieben, eine tolle Perspekti…