Christopher in der Midlife-Krise
Christopher in der Midlife-Krise
„Mir reichts!“ das sind die einzigen Worte, die Annelie noch hört, als ihr Göttergatte die Tür hinter sich zuknallt und das Haus verlässt.
Christopher, der mitten im Leben steht, möchte noch so viel erleben, er hat Angst, dass bald seine Libido auf der Strecke bleibt, er wird nicht mehr jünger, fühlt sich aber noch lange nicht reif genug um Briefmarken zu sammeln.
In den letzten Jahren probierte er sich aus, auf seinen alten Tagen, jenseits der Vierzig startete er nochmals durch. Die Kinder sind schon groß, der Freundeskreis ist gefestigt und einige der früheren Vorzeigepaare haben sich schon getrennt, doch das will er gar nicht.
Er kaufte sich ein Surfbrett, um nochmals allen zu beweisen, dass er es noch draufhat, dass er noch fit genug ist. Jedoch verschwand das Board nach einem Sommer wieder im Garagendachboden, denn Christopher unterschätze die Zugluft, Schmerzen im Lendenwirbelbereich zwangen ihn zu einer Pause. Nach einigen Untersuchungen stellte sich heraus, dass sein Problem nicht die überstreckten Lendenwirbel schuld an seinen Schmerzen waren, sondern die Nieren und schweren Herzens gab er sein neu gefundenes Hobby wieder auf. Golfspielen geht noch, hat ihm der Arzt seines Vertrauens geraten, aber will er überhaupt Golf spielen? Das ist gewiss nicht vergleichbar mit Wellenreiten, das klingt nach Freiheit und Abenteuer, nach Sonnengegerbter Haut und Salzwasser in den Haaren.
Annelie seine Frau hat ganz andere Dinge für sich gefunden, sie trifft sich mit neuen Freundinnen, macht Yoga, Pilates und besucht neuerdings einen Töpferkurs an der örtlichen Volkshochschule, dem Christopher nichts abgewinnen kann. In den ersten Jahren ihres Zusammenlebens waren sie beide noch viel lebendiger, viel engagierter und mit der Zeit ist alles nur noch Routine.
Christopher will mehr!
Immer wieder versuchte er in letzter Zeit zu retten, was noch zu retten ist, er animiert, er überrascht- kurz, Christopher versucht alles, um seine intimsten Wünsche an Annelie heranzutragen. Jeder Anflug, jeder klitzekleine Versuch mit Annelie etwas Außergewöhnliches zu erleben, scheitert schon am Versuch, „Will ich nicht, das ist mir zu pervers…“ Annelie blockt ab.
Das Fass zum Überlaufen brachte Annelies Ankündigung, sich bei einem indischen Kochkurs angemeldet zu haben. Daraufhin schnappt sich Christopher seine Sporttasche mit Handtüchern, Wasser etc. und verlässt Türknallend das Haus.
Sein Puls ist bei mindestens 180, um wieder herunterzukommen setzt er sich erst einmal ins Auto, er kann in diesem Zustand unmöglich Auto fahren. Er sitzt einfach nur da und überlegt, Annelie hätte über ihr Vorhaben mit ihm reden können. Wie so oft, hat er sich den Samstag ganz anders ausgemalt, im Kopf hat er sich schon alles schön ausgemalt, er will sie in sein Sexualleben mit einbeziehen, vielleicht entdeckt sie auch völlig neue Seiten an sich, sie muss sich nur öffnen, fallen lassen und es zulassen können. Nicht auszudenken, wie schön das wäre.
Erst kürzlich hat Christopher im Internet auf einer Sex- Plattform für alle möglichen Fetische eine Location entdeckt, die von außen auf nichts Verräterisches hinweist, aber hinter den Mauern eines alten Hallenschwimmbades verbirgt sich ein Sammelsurium für allerlei Obskures, eine Bar, Massagesalon, Swingerclub, ein Bordell…
Dieses Bad aus der Gründerzeit war früher ein Juwel mit viel Opulenz, Einzelbadewannen aus Kupfer gegossen, hohe, blau gekachelte runde Dachkuppeln. Es war eines der ersten öffentlichen Badeanstalten der Stadt und nur die gehobene Mittelschicht konnte sich leisten dort hinzugehen. Anfangs gab es nur Wannen- und Brausebäder sowie warme Waschgelegenheiten. Erst in den späteren Jahren wurde das Bad ergänzt mit Saunen und großer Schwimmhalle. Christopher hat das neugierig gemacht und genau jetzt in diesem Augenblick denkt er daran. Die 70km sollten kein Hindernis sein und Christopher fährt dort jetzt hin. Ein altes Schild zeigt den Weg zum „Badetempel“.